04.07.2022, 12:3504.07.2022, 13:13
Wer in Europa über steigende Energie- und Lebensmittelpreise stöhnt, reibt sich beim Blick in die Schweiz die Augen. Die Verbraucherpreise stiegen im Juni „nur“ um 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
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Für die Schweiz ist dies der höchste Wert seit 1993. Nach ersten Schätzungen waren es in Deutschland jedoch 7,6 Prozent und in der Eurozone sogar 8,6 Prozent.
Wow, es wird wieder teurer. Bild: Shutterstock.com
In der Schweiz wird die Inflationsrate etwas anders berechnet. Zur besseren Vergleichbarkeit geben die Statistiker aber auch den in der Eurozone üblichen harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) an, dessen Anstieg im Juni mit 3,2 Prozent noch geringer ausfiel. In Deutschland hingegen betrug dieser Anstieg mehr als 8,2 Prozent.
Strong Frank erklärt nur einen Teil davon
Einer der Gründe für relativ stabile Preise in der Schweiz ist die Währung. «Wenn der Schweizer Franken aufwertet, werden importierte Waren für die Konsumenten billiger», sagt Alexander Rathke vom Zentrum für Wirtschaftsforschung der ETH Zürich. Dieser Effekt erklärt jedoch höchstens einen Prozentpunkt der Inflationsdifferenz.
Tatsächlich profitiert die Schweiz in Krisenzeiten, wenn die Preise weltweit in die Höhe schießen, von hohen Einfuhrzöllen auf Lebensmittel und Agrarprodukte sowie von Strom- und Gaspreiskontrollen.
Einfuhrzölle für Lebensmittel
Apropos Lebensmittel: Während die Lebensmittelpreise in der Eurozone und den USA im Jahresvergleich um rund zehn Prozent stiegen, blieben sie in der Schweiz nahezu konstant. „Aufgrund protektionistischer Maßnahmen stehen die Schweizer Lebensmittelpreise in keinem Zusammenhang mit der Entwicklung des Weltmarkts“, sagt Maxime Botteron, Ökonom bei der Credit Suisse.
Die Schweiz verteuert ausländische Agrarprodukte, die auch im Inland produziert werden, auf höchstem Schweizer Niveau durch Einfuhrzölle, um die heimischen Getreide-, Obst- und Gemüsebauern vor ausländischer Konkurrenz zu schützen. „Wenn der Preis unserer selbst produzierten Waren auf dem Weltmarkt steigt, senkt das nur die Zollsteuer“, sagt KOF-Experte Rathke.
Allerdings zahlen die Schweizer in Krisenzeiten auch einen hohen Preis: «Die Preise sind jetzt stabiler, aber das Preisniveau ist immer höher», sagt Rathke. Für Lebensmittel, die in den Nachbarländern zehn Euro kosten, müssen Sie in der Schweiz umgerechnet 18 Euro bezahlen.
Da die Schweizer Ernte 2021 schlecht war und in diesem Fall die fehlenden Getreide, Früchte und Gemüse ohne hohe Einfuhrzölle importiert werden konnten, gab es sogar Schnäppchen: «Weil die Tomaten aus Spanien und andere ausländische Lebensmittel billiger sind, gingen die Preise zurück» er sagt. Botteron.
Verzögerter Anstieg der Strompreise
Apropos Energie: Die Schweiz deckt ihren Strombedarf fast vollständig aus Wasserkraft und Kernenergie, während beispielsweise in Deutschland viel Strom mit Gas produziert wird. Die Schweiz muss nur im Winter Strom importieren, wenn sich höhere europäische Preise auswirken können.
Aber die Verbraucher haben den Effekt nicht sofort bemerkt, sagt Botteron, weil die Stromversorger den Preis normalerweise einmal im Jahr festlegen. “Das verzögert den inflationären Effekt.”
Außerdem unterscheiden sich die Warenkörbe, die zur Berechnung der Inflation verwendet werden. Sie basieren darauf, wie viel Geld die Menschen in jedem Land im Durchschnitt für welche Produktkategorie ausgeben. In der Schweiz machen Energiekomponenten wie Öl, Strom und Gas nur fünf Prozent des Warenkorbs aus, in Deutschland fast zehn Prozent und in den USA sieben Prozent.
Steigende Weltmarktpreise für Öl und Gas nähren daher nicht so viel Inflation in der Schweiz. Gleiches gilt für Lebensmittel. In der Schweiz liegt ihr Anteil am typischen Warenkorb bei 11,5 Prozent, in den USA bei 13 Prozent und im Euroraum bei 15 Prozent.
„Je reicher die Menschen sind, desto geringer ist der Anteil, den sie für Lebensmittel ausgeben“, sagt Rathke. Im Schweizer Verbraucherpreisindex hingegen macht das Gesundheitswesen knapp 17 Prozent aus, während es in den USA nur rund 8,5 Prozent und in der Eurozone rund 5 Prozent sind.
Preisdruck im Onlinehandel
Schliesslich gibt es strukturelle Gründe für die niedrige Inflation: Vor allem Medikamente, aber auch Möbel und Kleidung sinken in der Schweiz tendenziell, oder zumindest nicht so stark wie im Euroraum.
Das liegt zum Teil am E-Commerce, der heimische Einzelhändler unter Druck setzt, wie Botteron sagt: „Es gibt eine Tendenz, sich dem Preisniveau in der Eurozone anzupassen.“ So gesehen sei eine Inflationsrate von rund drei Prozent ein «extrem hoher Wert» für die Schweiz, sagt Rathke. (sda/awp/dpa)
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