Kronen-Demonstration am 22. Januar in Bern: Die rechtsextreme Gruppe “Junge Tat” führt die Demonstration an.
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Demonstrationen, Provokationen, Konzerte: Rechtsextreme treten in der Schweiz immer häufiger an die Öffentlichkeit. ZHAW-Extremistenforscher Dirk Baier erklärt, warum sich Neonazis nicht mehr verstecken.
Am vergangenen Freitag verhinderte die Kantonspolizei St. Gallen in Kaltbrunn SG ein Treffen von Rechtsextremisten aus der Schweiz und Deutschland. Am nächsten Tag versammelten sich über 50 Neonazis vor einem Pfadfinderhaus in Rüti im Zürcher Oberland. Auch hier griff die Polizei ein und lenkte etwa zwei Dutzend Teilnehmer ab. Mehr als 30 weitere Personen konnten nicht ausgewiesen werden, weil sie zu betrunken zum Fahren waren.
Neonazis werden in der Schweiz immer öffentlicher. Die beiden Ereignisse des Wochenendes passen in einen Trend. Bei Demonstrationen und Kundgebungen gegen die Maßnahmen der Krone können Rechtsextremisten ungestört die Fahne hissen und Flugblätter verteilen. In Bern entführen sie am 22. Januar den Marsch komplett und führen ihn an.
Mitte Februar kam es am Zürcher Hauptbahnhof zu Zusammenstößen von Rechtsextremisten mit Antifa-Aktivisten. Zwei Monate später provozieren sie mit einem Banner an einem Baukran die Maiparade in Zürich.
Neonazis suchen Aufmerksamkeit
Natürlich sind sie nie weggegangen, aber jetzt werden Rechtsextremisten immer sichtbarer. Dieser Eindruck täuscht nicht, bestätigt Extremistenforscher Dirk Baier vom Institut für Kriminalität und Kriminalprävention der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) im Gespräch mit Blue News: «In der Vergangenheit» war der Schweizer Rechtsextremismus klandestin. Das heißt, sie trafen sich heimlich und wollten die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, insbesondere der Polizei und des Geheimdienstes, vermeiden.”
Das habe sich in letzter Zeit etwas geändert, freut sich Baier. „Es gibt Gruppen wie die Junge Tat, die durch Aktionen auf sich aufmerksam machen, zum Beispiel durch Videos in sozialen Medien, durch Zoombombings oder die Teilnahme an Demonstrationen bei Corona-Protesten.“
Das liege unter anderem daran, dass die rechte Szene jünger und damit „auch sichtbarer sei, weil junge Leute eher agieren“. Allerdings gehe Baier davon aus, „dass es kein großer Schritt ist: Einige Aktive können hier schon Sichtbarkeit schaffen.“ Zudem habe es bisher keine schwerwiegenden Gewaltvorfälle gegeben, „wie wir das aus Deutschland kennen“.
Die alten Nazis werden ersetzt
Die Auflösung der Pnos, einer der bekanntesten rechtsextremen Gruppierungen der Schweiz, im Februar hatte laut Baier keine nennenswerten Auswirkungen auf die Szene. „Die Pnos wurde wesentlich durch das Engagement der ehemaligen Rechtsextremisten getragen. Es war nicht attraktiv für junge Leute, die normalerweise wenig mit der Teilnahme an Partys zu tun haben, und für sie.“
Die Auflösung sei ein Indiz dafür, dass «diese Form der extremen Rechten in der Schweiz keine wirkliche Bedeutung mehr hat». Heute bestimmen andere das Bild. Sichtbar seien laut Baier Gruppen wie die Junge Tat oder früher die Eisenjugend.
„Das heißt aber nicht, dass sie die einzigen rechtsextremen Gruppen sind. Das Szenario ändert sich derzeit; auch kleinere Gruppen tauchen immer wieder auf.“ Insgesamt sei die Situation in der Schweiz nicht sehr übersichtlich und transparent, denn «auch die Menschen in Deutschland nutzen die Schweiz als Zufluchts- oder Begegnungsstätte».
“Je größer die Bühne, desto gefährlicher ist sie”
Nach Baiers Einschätzung ist die Gefahr schwerer Gewalttaten vom Tatort derzeit recht gering. Der Extremistenforscher schätzt die Bedrohung als geringer ein als etwa in Deutschland.
„Die Szene hierzulande ist nicht zu unterschätzen“, warnt Baier. „Die Hauptgefahr besteht derzeit darin, dass die Bühne durch ihre Sichtbarkeit weitere interessierte junge Menschen anzieht und somit weiter an Zahl gewinnt. Je größer die Szene, desto gefährlicher wird sie, weil sie radikaler werden kann.“