Kasseler Mordprozess gegen falschen Arzt: Lebenslange Haftstrafe für Meike S. – Klinikversagen

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Erstellt: 25.05.2022, 19:07

Von: Ulrike Pfluger-Scherb, Daria Neu, Daniel Seeger

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Das Landgericht Kassel verurteilte Meike S., die sich als Ärztin ausgab, wegen dreifachen Mordes zu lebenslanger Haft. Die Verteidigung erhebt schwere Vorwürfe gegen das Krankenhaus.

+++ 19.05 Uhr: Auch für den Anwalt des Klägers spielt die Verantwortung des Klinikums Fritzlar eine wichtige Rolle: die Ehefrau eines Verstorbenen. Carsten Drastik sprach für ihren Mandanten gegenüber HNA: „Die Tatsachen kann sowieso niemand regeln.“ Dass der falsche Arzt mindestens die Höchststrafe erhalten hat, ist aus rechtlicher Sicht immer noch die absolut richtige Entscheidung.

Aber: Jetzt muss auch das Krankenhaus haften. Ermittlungsverfahren gegen einen ehemaligen Chefarzt laufen noch, Verfahren gegen den jetzigen Ärztlichen Direktor sind eingestellt, aber nur vorerst. “Falscher Arzt erlaubt.” Drastik sieht “sehr große Versäumnisse” seitens der Klinik.

Kasseler Mordprozess gegen den falschen Arzt: Typische Anfängerfehler

+++ 17:13 Uhr: Dr. Sven Schoeller, der Verteidiger des Angeklagten, hat sich nach der Urteilsverkündung öffentlich geäußert. „Das Verfahren hält oder fällt mit der Frage der Tötungsabsicht“, sagte er. Die Einschätzung der Strafkammer weicht insoweit von der Einschätzung der Verteidigung ab.

Obwohl keine echte Anästhesistin, machte Meike S. im Krankenhaus Fritzlar die typischen Anfängerfehler, die auch von approbierten Assistenzärzten beobachtet wurden. Schoeller sagte auch, das Krankenhaus habe offenbar interne Dosierungsempfehlungen für Narkosemittel, die nicht den Standards anderer Kliniken entsprächen.

Spezialisten sollten in unmittelbarer Nähe sein, um die Leistung Ihres Partners zu überwachen. „Das ist von großer Bedeutung, wenn es um die Frage des Vorsatzes geht“, sagte Schoeller. Deshalb legte die Verteidigung Berufung ein. “Das alles wird jetzt seinen Weg in den Bundesgerichtshof finden.”

Das Klinikum Fritzlar drückt den Betroffenen sein Mitgefühl aus und feiert das Urteil gegen die falsche Ärztin Meike S.

+++ 15.41 Uhr: Das Heilig-Geist-Krankenhaus Fritzlar hat sich in einer Mitteilung zum Urteil gegen Meike S. geäußert, die dort von 2015 bis 2018 tätig war. Sprecher Dirk Metz erklärt, dass der Sachverhalt um den falschen Arzt große Besorgnis ausgelöst habe zwischen Management und Mitarbeitern. Die Geschäftsleitung hat bereits mehrfach ihr tiefes Bedauern zum Ausdruck gebracht und öffentlich ihre Unterstützung für die Betroffenen bekundet. Man ist froh, dass das für Betroffene, Angehörige und Krankenhauspersonal kostspielige Verfahren abgeschlossen ist.

„Wir hoffen und wünschen uns insbesondere, dass die Angehörigen der Opfer und die durch das Handeln des falschen Arztes Geschädigten das traurige Kapitel nach dem heutigen harten Urteil besser persönlich verfolgen können“, so Metz weiter. Das Urteil ahndet den Tatbestand, der auf ein hohes Maß an krimineller Tätigkeit des Angeklagten zurückzuführen ist. Meike S. hat nicht nur die Klinik, seine damaligen Kollegen und die Landesärztekammer getäuscht, sondern vor allem Patienten in Lebensgefahr gebracht und – so das Gericht – getötet. Er gab seine Schuld nicht zu, zeigte keine Reue oder entschuldigte sich.

Als Klinik unterstützen Sie die Forderung der Deutschen Stiftung Patientenschutz nach einem zentralen Zulassungsregister bei der Bundesärztekammer. Ebenso wichtig ist der Appell der Landesärztekammer Hessen, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Dokumente fälschungssicher sind.

Meike S. wurde vom Landgericht Kassel verurteilt. © Welch (Archiv)

Mordprozess gegen Scheinärztin Meike S. vor Landgericht Kassel: Verteidigung will Berufung einlegen

+++ 14.01 Uhr: Die Verteidigung will das Urteil anfechten und Berufung einlegen. Besonders hob er die Rolle des Heilig-Geist-Hospitals Fritzlar hervor. Die damaligen Chefärzte hatten eine Fürsorgepflicht und mussten darauf achten, dass Assistenzärztin Meike S. keine Narkose ohne Aufsicht verabreichte.

Der Vorsitzende Richter Volker Mütze hat in der Urteilsbegründung vor dem Landgericht Kassel wiederholt die Betonung der narzisstischen Persönlichkeit von Meike S. hervorgehoben. S. kümmerte sich bei ihrem Handeln nur um sich selbst.

Urteil gegen die falsche Ärztin Meike S. vor dem Landgericht Kassel

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Update am Mittwoch, 25. Mai, 12.40 Uhr: Das Urteil des Landgerichts Kassel steht noch aus. Meike S., die unter anderem wegen dreifachen Mordes verurteilt wurde, liegt weinend auf der Anklagebank. In der Vergangenheit hatte Meike S. während des Prozesses fast keine Emotionen gezeigt.

Das Landgericht Kassel verhängte die Höchststrafe gegen Meike S., die sich als Ärztin in Fritzlar ausgab.

Erstmeldung am Mittwoch, 25. Mai: Kassel/Fritzlar – Nach anderthalb Jahren Mordprozess ist am Mittwoch (25. Mai) in Kassel das Urteil im Fall der falschen Ärztin Meike S. gefallen. Der 52-Jährige, der von 2015 bis 2018 als Anästhesist im Klinikum Fritzlar tätig war, wurde unter anderem wegen dreifachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Außerdem stellte das Gericht die besondere Schwere der Schuld fest. Das kann es Meike S. erschweren, nach Verbüßung der Strafe entlassen zu werden.

Diese Entscheidung gab der Vorsitzende Richter der 6. Hauptstrafkammer des Landgerichts Kassel, Volker Mütze, gegen 10.30 Uhr bekannt Außerdem wurde Meike S. wegen versuchten Totschlags in zehn Fällen, gefährlicher Körperverletzung in drei Fällen und Titelmissbrauchs in vier Fällen sowie wegen Betrugs in zwei Fällen verurteilt.

Die Verteidiger der falschen Ärztin Meike S. sind Thomas Hammer (links) und Dr. Sven Schoeller. © Dieter Schachtschneider (Archiv)

Kassel/Fritzlar: Höchststrafe im Mordprozess gegen Scheinärztin Meike S. gefordert

Damit kommt das Gericht den Forderungen der Staatsanwaltschaft Kassel nach. Zuvor hatte er für den Angeklagten die Höchststrafe gefordert: lebenslange Haft und die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Die Staatsanwaltschaft war überzeugt, dass Meike S. aus einem überhöhten Geltungsbedürfnis heraus handelte. Die Verteidiger Dr. Sven Schoeller und Thomas Hammer hingegen hatten wegen gefährlicher Körperverletzung in 16 Fällen und weiteren Anklagepunkten insgesamt acht Jahre Haft beantragt.

Vorsitzender Richter Volker Mütze. © Daria Neu (Archiv)

Mordprozess gegen einen falschen Arzt: Einer der größten Prozesse in der Kasseler Justizgeschichte

Der Mordprozess gegen den falschen Arzt ist einer der größten in der Kasseler Justizgeschichte. Dem ersten Verhandlungstag am 27. Januar 2021 folgten weitere 50 Verhandlungstage. Der ursprüngliche Vorwurf damals lautete, Meike S. soll fünf Menschen im Heilig-Geist-Krankenhaus getötet haben, in dessen Betrieb er für die Anästhesie zuständig war. Laut Anklageschrift habe sie nie ein Medizinstudium abgeschlossen und sei mit falschen Angaben dazu verleitet worden, als Ärztin eingestellt zu werden.

Die absichtliche Frage spielte immer eine Rolle

Im Fall des falschen Arztes wurde monatelang die Frage diskutiert, ob Meike S. eine Mörderin war. Das Landgericht Kassel beschäftigte sich an Prozesstagen stundenlang mit der Frage des Vorsatzes, also der Frage, ob der Angeklagte den Tod des betroffenen Patienten billigend hingenommen hat. Schon damals erklärte Nebenklageanwalt Carsten Drastik, dass der Vorsatz nicht immer einen ursprünglichen bösen Vorsatz enthalten muss. Man spricht von einer Kontingenz.

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