Stand: 25.05.2022 15:05
Es ist die erste große Präsenzveranstaltung seit langem für Fragen aus Kirche, Politik und Gesellschaft. Doch das Interesse am Katholikentag war bisher gering. Es gibt dringende Fragen.
Ursprünglich waren die Katholikentage eine Zusammenkunft katholischer Christen, um gemeinsam zu feiern und sich über den eigenen Glauben auszutauschen. Seit den 1980er Jahren hat sich die alle zwei Jahre stattfindende Veranstaltung jedoch, ähnlich dem Evangelischen Kirchentag, zu einem Forum entwickelt, in dem politische und gesellschaftliche Fragen des Zeitgeschehens behandelt werden.
Nach mehr als zwei Jahren kronenbedingter Einschränkungen des öffentlichen Lebens könnte der diesjährige Stuttgarter Katholikentag, der heute mit der „Nitre der Begegnungen“ beginnt, zu einem Diskussionsforum für jene Themen und Debatten werden, die während der Pandemie vernachlässigt wurden und werden wartet nun auf die öffentliche Debatte.
Großes Sicherheitsbedürfnis
Obwohl das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) als Veranstalter des Katholikentags versucht hat, dieser besonderen Situation bei seiner Planung Rechnung zu tragen, dürfte die Veranstaltung eine deutlich geringere Resonanz als sonst haben. Lag die Besucherzahl in den Vorjahren zwischen 50.000 und 100.000, wurden bisher nur 19.000 Dauergäste und 6.000 Tagesbesucher registriert. Für den Präsidenten des ZdK hat das mit den Folgen von Corona zu tun.
Laut Irma Stetter-Karp im SWR besteht nach wie vor ein großes Schutz- und Sicherheitsbedürfnis in der Öffentlichkeit. Er rechnet jedoch damit, dass über das lange Wochenende weitere 1.000 Zeitungen in die baden-württembergische Landeshauptstadt kommen werden.
Der Kirchenaustritt befeuert die Reformdebatte
Die Organisatoren haben versucht, den diesjährigen Katholikentag inhaltlich sehr breit aufzustellen. Schließlich habe die Gesellschaft derzeit mit mehreren „überlappenden Krisen“ gleichzeitig zu kämpfen, sagt Stetter-Karp. Das wichtigste Anliegen der Kirche ist der Kampf gegen die Folgen sexuellen Missbrauchs. Unmittelbar damit verbunden ist die Reformdebatte in der katholischen Kirche.
Zentrale Stichworte sind hier: Frauenordination, Segnung gleichgeschlechtlicher Paare und Priesterehe. Nach dem spektakulären Rücktritt des Generalvikars Speyer der katholischen Kirche vor knapp zwei Wochen hat diese Debatte wieder Fahrt aufgenommen.
Immerhin hatte Andreas Sturm öffentlich erklärt, dass er im Laufe der Jahre die Hoffnung und Zuversicht verloren habe, dass sich die römisch-katholische Kirche wirklich verändern könne. Außerdem soll der Katholikentag genau hinschauen, wie sehr sich die jüngere Generation noch für das kirchliche Leben interessiert.
“Ukraine – die Skala Europas”
Weit verbreitet sind die nicht-kirchlichen Themen, die in den vielen Foren und Podien angesprochen werden: Neben Klimawandel und globaler Migration gehören dazu die Frage des gesellschaftlichen Zusammenhalts, die Corona-Pandemie und ihre Folgen sowie der Krieg gegen die Aggression Russland. Ukraine.
Putins Aggression und die damit verbundenen Themen Selbstverteidigung und Waffenlieferungen sind für viele Christen, die sich in der katholischen Friedensbewegung Pax Christi engagieren, eine große Herausforderung, weil die Ideale von Jahrzehnten oft in Frage gestellt werden. Die Hauptveranstaltung des Katholikentags trägt den Titel „Ukraine: die offene Wunde Europas“.
Katholikentag in Stuttgart
Eva Macht, SWR, Tagesausgaben 22:25, 25. Mai 2022