“Kinder haben das Recht auf qualifizierte Lehrer”

Immer mehr Menschen ohne klassischen Masterabschluss treten vor Schweizer Schulklassen auf.

KEYSTONE/CHRISTIAN BEUTLER

Ab dem nächsten Schuljahr werden in der Stadt Zürich 88 Lehrpersonen ohne traditionelle Ausbildung tätig sein. Der Lehrerverband ist skeptisch und fordert langfristige Maßnahmen.

Der Lehrermangel wird immer schlimmer. In vielen Städten und Gemeinden sind nach den Sommerferien noch zahlreiche Stellen zu besetzen. Die Gründe sind vielfältig.

Einerseits gehen derzeit viele Lehrer aus der Babyboomer-Generation in den Ruhestand, andererseits arbeiten nur noch wenige Lehrer in Vollzeit. Auch die vielen Abgänge deuten darauf hin, dass sich die Attraktivität und die Rahmenbedingungen des Berufs verschlechtert haben.

Dies führt zu einigen kreativen Lösungen.

Die wohl drastischsten Massnahmen hat der Kanton Zürich getroffen. Ungelernte Lehrkräfte können dort ein Jahr lang unterrichten. Laut «Limmattaler Zeitung» werden nach den Sommerferien 88 Lehrpersonen ohne Diplom vor einer Klasse in der Stadt Zürich auftreten. Neue Erzieherinnen und Erzieher müssen während der Sommerferien eine spezielle Ausbildung erhalten.

Laut Schuldirektor Filippo Leutenegger (FDP) hätten 350 der bisher 400 freien Stellen mit überwiegend ausgebildeten Lehrkräften besetzt werden können.

Derzeit lehren fast 1500 ohne Abschluss in Bern

Im Kanton Bern sind laut Yves Brechbühler, Sprecher des Departements für Bildung und Kultur, derzeit 38 unbefristete Lehrstellen für das kommende Schuljahr zu besetzen. Hinzu kommen 33 befristet besetzte Stellen.

Noch vor zwei Monaten waren im Kanton Bern rund 500 Stellen offen. Können Menschen hier ohne entsprechende Ausbildung unterrichten? Damals ging man davon aus, dass rund 1.500 Personen ohne anerkannten Abschluss im Lehrerberuf tätig waren.

Viele Kantone haben im vergangenen Jahr die Anforderungen an die Lehrerausbildung aufgrund des Lehrermangels gelockert. Damals wurden beispielsweise die Studenten der Pädagogischen Hochschule, die das Grundstudium abgeschlossen hatten, die Studenten des Ph.D. die ihre Prüfungen nicht bestanden oder abgebrochen hatten, konnten unterrichten. Was ist seitdem passiert?

Gegen den Lehrermangel hat der Kanton Bern zusammen mit dem Kantonalen Schulleiterverband und der Pädagogischen Hochschule Bern bereits Massnahmen umgesetzt.

Auf diese Weise würden junge Lehrer mit Minderjährigen besser unterstützt. Alumni würden ermutigt, in den Beruf zurückzukehren, indem sie sich an Rentner und Kulturschaffende wenden. Außerdem würden mehr Studenten eingestellt. „Unter anderem wurde eine Gehaltserhöhung für Grundschulen umgesetzt und eine Imagekampagne durchgeführt“, sagt Brechbühler.

Der Lehrerverband ist nicht begeistert

Wie reagiert der Schweizerische Lehrerverband darauf, dass für den Unterricht einer Klasse kein Lehrerdiplom mehr erforderlich ist? Es ist nicht witzig. «Jedes Kind hat das Recht, von einer qualifizierten Lehrperson unterrichtet zu werden», sagt Geschäftsleitungsmitglied Beat Schwendimann zu Blue News.

Der Lehrerberuf ist anspruchsvoll und erfordert eine umfassende Ausbildung. „Menschen, die nur eine verkürzte pädagogische Ausbildung erhalten haben oder den hohen Anforderungen nicht gerecht werden können.“

Wie würde der Verband dem akuten Lehrermangel entgegenwirken? Wichtig ist, dass diese Notfallmaßnahmen zeitlich begrenzt sind. „Strukturelle Defizite lassen sich so nicht dauerhaft beheben“, sagt Schwendimann. Um Lehrkräfte langfristig im Beruf zu halten, braucht es gute Arbeits- und Arbeitsbedingungen.

Ein Blick in die Westschweiz zeigt, dass dort der Lehrermangel weniger akut ist. So müssen Schulen in Genf seltener auf unqualifiziertes Personal zurückgreifen als jene im Kanton Zürich. Das schreibt «News from Switzerland» des SRF.

Was macht Genf anders? Zum einen gibt es kleine Gehaltsunterschiede zwischen den Stufen. Ob Kindergarten, Sekundarstufe oder VT: Lehrerinnen und Lehrer verdienen ähnlich viel. Außerdem erlaubt Genf keine Kurzaufenthalte. Lehrer müssen mindestens 50 Prozent arbeiten. In Genf beispielsweise unterrichten 52 % der Lehrkräfte fast Vollzeit, in Zürich sind es nur rund 25 %.

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