Koalitionsvertrag: Schwarz-Grün will Schleswig-Holstein neu aufbauen

Es gibt Zeiten, da ist fast alles erfolgreich, auch in der Politik. Daniel Günther ist gerade am Laufen.

Landtagswahlen gewonnen; dann hat er einen der beiden Koalitionspartner, die FDP, losgeworden, ohne sich die Hände schmutzig zu machen. Gleichzeitig rückte die grün-schwarze Linie fast nebenbei selbst in eine Partei vor, die CDU des Nordens, in der sich viele lieber mit den geschrumpften Liberalen verbündet hätten als mit den aufgeblähten Grünen. Und ein Koalitionsvertrag, der ohne einen einzigen öffentlichen Kampf ausgehandelt wurde.

Kein Wunder also, dass Günther an diesem Mittwoch in einem Nebenraum der Kieler Ostseehalle sehr zufrieden vor den Kameras wirkt. Unten ließ der frühere Regierungschef und ab nächster Woche auch der neue Regierungschef „Helikopter 117“, ein Ballermann-Lied, in einer wilden Wahlnacht vor lauter Freude über sein Ergebnis von 43 Prozent fallen.

Er feiert nun die Landung, den neuen Koalitionsvertrag gebunden an schwarz-grüne Buchumschläge, fast an gleicher Stelle zusammen mit den beiden Spitzenkandidaten der Grünen Monika Heinold und Aminata Touré. Aus Sicht sowohl der Union als auch der Grünen ist es wohl gelungen, wie die Spitzen beider Parteien behaupten.

Quelle: dpa / Frank Molter

„Was wir schriftlich wollten, ist in diesem Koalitionsvertrag so ziemlich drin“, sagt Günther, der auf Nachfrage keinen Punkt nennen kann, an dem es ihm wirklich schwer gefallen ist, die Rolle der schwarz-grünen Regierung zu unterzeichnen. Spielraum gebe es nicht, so zeigt sich Touré zufrieden mit dem Verhandlungsverlauf und dem Vertragspaket, “bei dem es irgendwo schwierig geworden wäre”.

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Ob es in Schleswig-Holstein zwischen Schwarz und Grün so bleibt, kann niemand auf Anhieb sagen. In der brisanten Situation, in der sich Bund und Länder angesichts des Ukrainekriegs und der Corona-Krise befinden, stehen viele der vertraglich vereinbarten Projekte jedoch unter Vorbehalt. Der Koalitionsvertrag, so detailliert, detailliert und vernichtend er auch sein mag, ist vor allem eine zu lange Absichtserklärung.

Diese Minister stehen bereits fest

Das schwarz-grüne Bündnis in Schleswig-Holstein will in den nächsten fünf Jahren unter anderem „mehr Wohnraum und bezahlbaren Raum bereitstellen“, „Armut bekämpfen“, „beste Rahmenbedingungen für eine gute Wirtschaftsentwicklung schaffen“. die „Wirtschaft“, die „Natur schützt“, Bauernhöfe zu unterstützen“ und natürlich „Sicherheit für alle Menschen“ zu erreichen. Was Sie schreiben, wenn die Rolle geduldig ist und ein neu gegründetes politisches Bündnis im Allgemeinen guter Wille ist.

Anders als im Koalitionsvertrag ist die schwarz-grüne Kabinettsliste noch nicht vollständig. Drei von fünf der CDU zugeordneten Ressorts sind dem Namen nach vakant. CDU-Bundesvizepräsidentin Karin Prien bleibt Kultusministerin, auch die bisherige Innenministerin Sabine Sütterlin-Waack behält ihr Amt.

Ministerin im Interview

Am Mittwoch war unklar, welcher Christdemokrat das bisherige Wirtschafts- und Verkehrsministerium der FDP übernehmen wird. Für das von der CDU gegen den Wunsch der Grünen gedrängte neue Landwirtschaftsministerium und für das etwas seltsame Justiz- und Gesundheitsministerium hat Günther noch keinen Ressortleiter ernannt.

Bei den Grünen hingegen ist personell alles klar. Neben Heinold (Finanzen) und Touré (Soziales) wird der ehemalige Staatssekretär Tobias Goldschmidt das Umweltministerium leiten. Unter dem Strich besteht Schwarz-Grün aus etwa acht Ministerien, einem Ministerium mehr als die vorherige jamaikanische Regierung.

Mehr Antirassismus und Queer-Politik als die Union wollte

Nach eigenen Angaben mussten beide Seiten bei der Vorbereitung des Koalitionsvertrags nicht sehr große „Kröten“ schlucken. Eher ein paar „große Köpfe“, wie die Kapitel zu Antirassismus und Queer-Politik, die die Union in diesem Detail lieber vermieden hätte.

Etwas schlucken mussten die Grünen dagegen beim eingeschränkten Einsatz der Kameras der Polizei bei Hausdurchsuchungen. „Wir hätten gerne mehr für die Bürgerrechte getan“, sagte Aminata Touré im WELT-Interview vor Abschluss der aus grüner Sicht nicht ganz erfolgreichen Verhandlungen zum Kapitel Innere Sicherheit.

Die Grünen hingegen akzeptierten den von der Union als nicht verhandelbar eingestuften Nachbau der A 20 gemäß einem neuen Bundesverkehrswegeplan sowie den Bau der Festen Fehmarnbeltquerung die dänische Seite hatte bereits begonnen.

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Insgesamt haben sich die schleswig-holsteinischen Grünen offensichtlich dafür entschieden, den Ruf als Infrastruktur-Verhinderer-Partei loszuwerden. Die neue Landesregierung, die im Landtag über eine Zweidrittelmehrheit verfügt, will den von der Verfassung geforderten Stopp großer Referendumsprojekte deutlich erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen.

Nach der sogenannten Generalklausel sollen Bürgeranträge und -entscheidungen künftig nicht mehr erfolgen können, wenn „die Landesregierung erklärt, dass das betreffende Vorhaben eine unabdingbare Voraussetzung für Infrastruktur- oder Infrastrukturvorhaben ist. Investitionen des Landes bzw überregionale Bedeutung für die Versorgung der Bevölkerung mit wichtigen Gütern oder Dienstleistungen.“ Gleiches gelte für Projekte, die „zur Erreichung der Klimaziele der Landesregierung“ erforderlich seien.

Auch bei der „Flächennutzungsplanung, die Voraussetzung ist für den Bau von Krankenhäusern, Schulen, Tagesheimen oder Wohnungen (wenn mindestens 30 Prozent des Wohnraums Sozialwohnungen sind) oder für die Erzeugung erneuerbarer Energien“ dürfe es keine nicht mehr möglich sein, Petitionen und Volksabstimmungen der Bürgerinnen und Bürger künftig zu verhindern.

Schleswig-Holsteinischer Pionier

Schleswig-Holstein, wohl vor allem die Westküste, wo die Landesregierung eine neue regenerative Energiewirtschaft aufbauen will, muss unter der schwarz-grünen Regierung umgebaut werden. Spätestens 2040 soll der auf ländlichen Tourismus strukturierte Norden das „erste klimaneutrale Industrieland“ werden.

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