Krieg gegen die Ukraine Russischer Vormarsch auf den Donbass

Stand: 04.07.2022 13:14

Nach dem Abzug von Lysychansk erwarten Militärexperten in der Ukraine nun einen Vormarsch russischer Truppen in die Region Donezk. Die Städte Slowjansk und Kramatorsk sind die nächsten Ziele.

Von Palina Milling, ARD Studio Moskau

Wolodymyr Selenskyj sagte vor einigen Wochen, dass auf keinen Fall Stellungen in der Region Luhansk aufgegeben würden. Nun muss er doch einen Rückzug hinnehmen – und auch erklären: „Wenn die Heeresführung Leute aus bestimmten Frontabschnitten abzieht, wo der Feind die größte Überlegenheit hat – wie in Lysychansk –, heißt das nur eins: Wir gehen zurück. Dank unserer Taktik, dank moderner Waffenlieferungen gibt die Ukraine nichts.“

Von den mehr als 100.000 Einwohnern in Lysychansk sind nur noch wenige Tausend übrig. Der Militärgouverneur der Region Luhansk, Serhij Hajdaj, sagte im ukrainischen Fernsehen, die Zahl liege bei etwa 10.000. Laut Hajdaj kam es im Westen der Stadt zu weiteren Kämpfen.

Nahezu das gesamte Stadtgebiet ist inzwischen zerstört: 90 Prozent der Infrastruktur sind beschädigt, 60 Prozent der Wohnhäuser zerstört. Die Angaben lassen sich kaum unabhängig verifizieren.

Weiß schattiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schattiert: separatistische Gebiete mit russischer Unterstützung. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW / 03.07.2022

Russische Truppen greifen Slowjansk an

Nach der Eroberung von Lysychansk werden russische Truppen weiter angreifen, sagte Selenskyj. Die Vorzeichen waren bereits gestern zu hören. Vor allem in der Stadt Slowjansk im Norden der Region Donezk. „Die Folgen der gestrigen Bombardierung unserer Stadt durch die Russische Föderation: sechs Tote, darunter ein zehnjähriges Mädchen. Und 19 Verletzte. Mein Beileid an die Angehörigen“, sagte Bürgermeister Vadim Lyakh. Die Evakuierung von Slowjansk geht weiter. Vor Kriegsbeginn lebten dort etwa 100.000 Menschen.

Diese Stadt hat eine symbolische Bedeutung für die beiden Konfliktparteien. 2014 brach die Separatistenbewegung unter anderem in Slowjansk aus. Die Ukrainer konnten jedoch die Kontrolle über die Stadt zurückgewinnen. Inzwischen hat die ukrainische Armee eine starke Verteidigung in der Region aufgebaut.

Konfliktparteien als Quelle

Die Angaben der offiziellen Stellen der russischen und ukrainischen Konfliktparteien zu Kriegsverlauf, Bombenangriffen und Opfern können in der aktuellen Situation nicht direkt von einer unabhängigen Stelle überprüft werden.

“Die größte Schlacht der modernen Geschichte”

Der ukrainische Militärbeobachter und Politologe Aleksandr Kowalenko erklärte die Machtverhältnisse im ukrainischen Fernsehen: „Seit Beginn der Invasion hat sich die größte Panzergruppe russischer Besatzungseinheiten angesammelt. Die Russen werden sich dort auf Panzergruppen verlassen, sie werden sie einsetzen.“ „Panzerfäuste“ zu bilden, um sich gegen ukrainische Streitkräfte zu verteidigen, um sie zu brechen.“

Das sei strategisch interessant, denn die Hauptverteidigungslinien der Ukraine seien auf die Panzerabwehr ausgerichtet, “und hier sammeln sie ihr Panzerpotential”. Wenn sie also eine Offensive wagen, denke ich, dass es die größte Schlacht in der modernen Geschichte des Konflikts sein wird.

Wann eine so wichtige Schlacht bevorstehen könnte, lässt sich noch nicht abschätzen. Nach den Erfolgen in der Region Luhansk dürfte dies der nächste Schritt in der russischen Donbass-Offensive sein.

Die Ukraine denkt bereits über den Wiederaufbau nach

Während niemand den Zeitpunkt und Ausgang des Krieges vorhersagen kann, sehen sich die Ukraine und ihre Unterstützer bereits den Konsequenzen gegenüber. Auf einer Konferenz im schweizerischen Lugano müssen die Weichen für den Wiederaufbau gestellt werden. Nach offiziellen Angaben der ukrainischen Regierung und Experten der Kyiv School of Economics beliefen sich die Schäden an der Infrastruktur und die direkten Verluste für die Wirtschaft auf mehr als 100 Milliarden US-Dollar. Und die aktuellen Zahlen sind fast einen Monat alt, sie dürften also noch höher liegen.

„Wir müssen nicht nur alles wieder aufbauen, was die Besatzer zerstört haben, sondern wir müssen eine Grundlage für unser Leben schaffen, für die Ukraine. Einen sicheren, modernen, komfortablen, barrierefreien Ort“, sagte Selenskyj. “Deshalb brauchen wir kolossale Investitionen, Milliarden, neue Technologien, Erfahrung und natürlich Reformen. Die Ukraine wird in Lugano ihre nationale Perspektive zur Umsetzung präsentieren.”

Das Wirtschaftsministerium der Ukraine schätzt derzeit alle wirtschaftlichen Verluste auf rund 600 Milliarden US-Dollar. In der Ukraine werden im Projekt “Russland wird zahlen” Daten über Zerstörungen und Opfer gesammelt. Das Recht auf Schadensersatz ist klar formuliert.

Aber schon jetzt ist klar, dass die Ukraine ohne die Hilfe der internationalen Gemeinschaft nicht wieder aufgebaut werden kann.

Übersicht zum Thema Krieg in der Ukraine

Ukrainischer Krieg – aktuelle Situation Montagnachmittag

Palina Milling, ARD Moskau, 4. Juli 2022 12:53 Uhr

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