„Ist es schön, wo Sie wohnen?“, fragt der Taxifahrer seinen Kunden auf dem Weg zum Teheraner Flughafen. Die Kundin heisst Anna Baar, und die Frage geht ihr direkt ins Herz: «Todesangenehm». Ob fiktiv oder real: Der Dialog mit dem Taxifahrer bildet die Grundlage von Baars neuem Kurzgeschichtenband „Divân mit Schonvorsicht“. Dies sind erneut die zentralen Themen des mehrfach ausgezeichneten Autors: die gegensätzlichen Erfahrungen eines Lebens zwischen den Kulturen, die Suche nach der eigenen kulturellen Identität und verlorenes Glück.
Anna Baar wurde 1973 in Zagreb geboren und wuchs zwischen Wien und Klagenfurt auf. Die Mutter stammt aus Kroatien, der Vater aus Österreich. „Ana“ verbrachte die Sommer ihrer Kindheit bei ihren Großeltern auf der Insel Brac, Dalmatien. Der Einfluss der entschlossenen Großmutter (ehemalige Partisanin) auf die Enkelin, die Gerüche und Geräusche der Inselidylle, aber auch die reale Verfassung von Titos Jugoslawien und der Zusammenbruch dieses Staates sind ebenfalls Thema. . der Granate” als schmerzhafte Erfahrung von Teenagern, die mehr als “Grenzberge” die Heimat von der Heimat trennen.
Anna Bär
Diwan mit Schonbezug
Geschichten. Wallstein, Göttingen 2022, 153 Seiten, 20,60 Euro.
© Wallstein
Nun, in „Divân mit Slipcover“ zieht der Autor – quasi im „Rückblick“ des Taxis in Teheran – eine vorläufige Bilanz: „Ich habe nur alle meine Plätze gemietet, meiner bedeutet nicht viel …), Vermögensanzeige ohne Substanz, ein Buchstabenschloss aus Pathos, Echos, Geschmäcken, Gerüchen“.
Da ist der Balkan, der seine “Wiege der Seele” war und gleichzeitig das Herz seines Sohnes mit dem Hass seiner Großmutter gegen alles Deutsche verkrampfte; dann jenes Klagenfurt im endlosen Abwehrkampf gegen die “Gefahr des Südens”, wo die Schule ihre Herkunft verschleierte und ihre “andere Sprache” verschwieg; oder jene Jahre in Wien, als Baar, die Tochter eines Arztes, das Medizinstudium zugunsten der Slawistik abbrach – und bald auch die Slawen: Die Sprache war wieder zu einem Minenfeld geworden.
Aufgrund des Zusammenbruchs Jugoslawiens war Serbokroatisches Universitätsfach Geschichte, und auf dem Balkan war sogar der Name der alten Sprache tabu. Bedauerlich ist auch, dass die Großmutter im Jugoslawienkrieg vor ihren eigenen Landsleuten fliehen musste.
Anna Baar lehnt das Schweigen ab, das oft nicht gesagt wird, bittet aber nicht selten auch um Klarheit: „Denk gar nicht dran!“, wird ganz schnell gesagt, wo Unterdrücktes nicht herauskommen soll. Sarkastisch wird der Ton, wenn es um die Brisanz der unaufgearbeiteten Vergangenheit geht („Frieden? Nicht lachen!“), die „Gewalt der verherrlichten Obrigkeit“, aber auch die sogenannten politisch Korrekten, die herauskommen. als Antifaschisten, sein “Betroffenheit verkaufen und blindes Gefolge mit Floskeln fangen: besondere Humanisten!”
Gesellschaftskritisch, frech und mutig. Denn was du liebst, muss erweckt werden. Aber auch in zarten und melancholischen Passagen glänzt die Autorin, vor allem dort, wo ihre Neunte ins Spiel kommt; oder mit bitterer Ironie: „Nostalgie ist nur ein Wort“, sagt er in einer Abwandlung eines Bestsellers von Johannes Mario Simmel; oder in einem punktuellen Schauspiel mit einem Ausspruch von Ingeborg Bachmann: “Die Wahrheit ist immer noch irrational.”
Unter diesem Motto eröffnet Anna Baar die diesjährigen “Deutschsprachigen Literaturtage” (auch bekannt als Bachmann-Preis) kommende Woche in Klagenfurt.