Stand: 03.06.2022 12:21 Uhr
Die Zahl der Organspenden ist rückläufig, obwohl viele Menschen dazu bereit sind, was aber nicht erfasst wird. Eine kontradiktorische Lösung würde das beheben, sagt Gesundheitsminister Lauterbach.
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) will einen weiteren Versuch unternehmen, Einwände gegen die Organspende auszuräumen. Eine entsprechende Verordnung scheiterte vor zwei Jahren im Bundestag.
„Ich glaube, wir haben jetzt viel ausprobiert, aber es hat nicht wirklich funktioniert. Für Menschen, die ein Organ brauchen, gab es keine Verbesserung“, sagte Lauterbach der ARD-Hauptstadtstudie. „Aus meiner Sicht brauchen wir unbedingt einen neuen Versuch, den Widerspruch aufzulösen. Sonst werden wir das Problem nicht lösen können.“
Die Widerspruchslösung besagt, dass jede Person, die nicht ausdrücklich widerspricht, grundsätzlich Organspender ist.
Im Januar 2020 hatte der Bundestag das Gesetz zur Stärkung der Entscheidungsfindung bei der Organspende auf der Tagesordnung. Zuvor hatten sich Abgeordnete in einer Grundsatzdebatte intensiv mit verschiedenen Gesetzentwürfen auseinandergesetzt.
Einer der Entwürfe, die Lauterbach vorgelegt hatte, sah eine widersprüchliche Lösung vor. Aber dafür gab es keine Mehrheit.
Organspender nur mit ausdrücklicher Einwilligung
In Deutschland kann nur derjenige Organspender bleiben, der zu Lebzeiten einer Spende ausdrücklich zugestimmt hat, oder die nächsten Angehörigen müssen im Todesfall zustimmen. Statt einer Widerspruchslösung wurde damals die erweiterte Einwilligungslösung beschlossen.
Darin wurde auch festgelegt, dass im März 2022 eine Online-Registrierung von Organspenden beginnen soll. Doch der Start der Registrierung verzögert sich. Lauterbach begründet dies sowohl mit technischen Problemen als auch mit der Pandemie. Im Allgemeinen ist das Gesetz kompliziert und sehr schwer durchzusetzen.
Will da, aber keine Aufzeichnung
Aber nicht deshalb seien die Organspenden zurückgegangen: “Die Spenden gehen zurück, weil es einen Spendenwillen gibt, der aber nicht registriert ist. Eine widersprüchliche Lösung würde Abhilfe schaffen”, sagt Lauterbach.
Lauterbach forderte den Bundestag auf, sich noch einmal mit der Lösung des Widerspruchs zu befassen. Die Lösung des Widerspruchs ist eine ethische Frage, die das Parlament beantworten muss. Aber er selbst ist ein klarer Befürworter: “Ich denke, wir werden eine Mehrheit finden.”
Über 80 % stehen der Organspende positiv gegenüber
Der Wille zur Organspende ist in Deutschland nach wie vor groß. Laut einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) stehen 84 Prozent der Bürgerinnen und Bürger der Organ- und Gewebespende positiv gegenüber. Das sind etwa so viele wie in den Erhebungen 2018 und 2020.
Allerdings haben nach wie vor nur 44 Prozent der Befragten ihre Entscheidung zur Organ- und Gewebespende schriftlich auf einem Organspendeausweis oder in einer Patientenverfügung hinterlegt. Weitere 17 Prozent haben eine Entscheidung getroffen, diese aber nicht schriftlich dokumentiert. 36 Prozent müssen sich noch entscheiden. Im Januar und Februar wurden landesweit rund 4.000 Personen zwischen 14 und 75 Jahren befragt.
Organspende: Lauterbach will einen neuen Versuch einer widersprüchlichen Lösung
Birthe Sönnichsen, ARD Berlin, 3. Juni 2022 12:40 Uhr