Was war das bitterste Verständnis, das Sie hatten, als Sie Gespräche führten und Akten lasen?
Besonders auffällig war der Skandal im Skandal, die Vertuschung der Diözesanleitung. In einer Stabskonferenz sitzen Bischöfe, Weihbischöfe, meist Ärzte und Moraltheologen. Und sie repräsentieren eine Organisation, die sich der radikalen Wohltätigkeit verschrieben hat.
Und wie sich dann ein so reflektierender Männerkreis entscheiden kann, diese Taten nicht aktiv zu verfolgen, nicht auf die Betroffenen zurückzugreifen, sondern vor allem den Schutz der Institutionen zu suchen, um die Priesterweihe des misshandelnden Mitbruders zu erhalten. , es war ein schockierender Anblick für mich.
Besonders auffällig war der Skandal im Skandal, die Vertuschung der Diözesanleitung. Thomas Großbolting
Ein wichtiger Fall in Münster ist der des verstorbenen Pfarrers Heinz Pottbäcker. Was macht das deutlich?
Er ist ein Aggressor, der mehr als 40 Jahre Priester war, 14 Mal versetzt wurde und im Rahmen seiner pastoralen Arbeit nachweislich mindestens 21 Kinder missbraucht hat. Es ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer noch viel, viel höher liegt.
I: Heinz Pottbäcker ist kein Sekretär von Diözesanbeamten, aber jeder weiß um Pottbäckers pädophile Neigungen und pädosexuelle Aktivitäten. Pottbäcker ist ein Intensivkrimineller, der von der Diözesanleitung immer wieder versetzt und auf diese Weise immer wieder Zugang zu und Misshandlung von Kindern ermöglicht wurde.
Kardinal Höffner ist einer der beteiligten Bischöfe. Ein hoch angesehener Bischof in Deutschland. In Köln gibt es einen Platz mit seinem Namen. Die CDU hat bis heute einen nach ihm benannten Arbeitskreis. Was erwartet man, wenn sich herausstellt, dass ein Bischof doch kein so gutes Beispiel für Moral und Anstand ist?
Kardinal Höffner gehört im Zusammenhang mit der Aufdeckung der Missstände im Bistum Köln zweifelsohne zu jenen Leitern des Bistums, die in besonderer Weise ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden sind. Und das würde auch bedeuten, dass diejenigen, die heute den Kreis von Kardinal Höffner leiten, ernsthaft erwägen sollten, sich von dem Namen zu verabschieden.
Sie schreiben im Studienbuch „Guilty Pastors“, dass Missbrauch die Gemeinde ins Herz trifft. Warum das?
Die Anbetung Gottes erfolgt im Christentum hauptsächlich durch Nächstenliebe. Beim sexuellen Missbrauch wird dieser ganz grundlegende Zusammenhang radikal umgekehrt: Der Aggressor zieht die Liebe Gottes aus dem einzelnen Kind zu sich und schafft sich damit eine eigene Machtposition, die er dann nutzt, um die eigenen sexuellen Wünsche auszuleben, aber auch ihre eigenen sexuellen Wünsche. Bedürfnis nach Macht. Das pervertiert diese ursprüngliche Verbindung grundlegend.
Was soll sich ändern?
Was gerade passiert, konzentriert sich oft auf Maßnahmen, die als Sicherheits- und Polizeiaktionen eingestuft werden können. Wir versuchen, bessere Überwachungsinstrumente zu installieren, Schulungen zur Prävention einzuführen, damit es eine größere Sensibilität gibt. Auch die Bestimmungen des kanonischen Rechts wurden angepasst. Es lohnt sich auf jeden Fall.
Meiner Meinung nach braucht es aber noch viel mehr. Ich denke, es bedarf einer Debatte über Machtstrukturen in der gesamten katholischen Kirche. Dass sich das Christentum in seiner katholischen Form vor allem als hierarchisch organisierte Organisation zeigt, ist nicht gottgegeben, sondern diskussions- und veränderungswürdig.
Ich denke, es bedarf einer Debatte über Machtstrukturen in der gesamten katholischen Kirche. Thomas Großbolting
Bischöfe sagen, sie wollen die Kirche verändern. Sie wollen auch den Missbrauch aufklären.
Der Prozess der Akzeptanz der Situation wäre nicht so weit fortgeschritten, wenn die einzelnen Opfer und die Opfergruppen nicht zu Akteuren, zu Verteidigern ihrer eigenen Sache geworden wären. Mit der Öffentlichkeit. Und mit wenig politischer Unterstützung für seine Sache.
Was erwarten Sie von der Politik?
Es gibt andere Länder wie Irland, wo die Politik viel deutlicher und damit vielleicht effektiver ihre Aufgabe gemacht hat, sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche von außen zu bekämpfen.
Meiner Meinung nach sollte die eigentliche Geste der Kirche in der aktuellen Situation darin bestehen, als schuldige Institution die Betroffenen aufzufordern, ihre Positionen und Vorstellungen zum Umgang mit sexuellem Missbrauch, Wiedergutmachung und dergleichen zu formulieren.
In einem zweiten Schritt sollte die Kirche dann darauf warten, dass die Betroffenen sie auffordern, sich aktiv an diesem Prozess zu beteiligen.
Das Interview führte Christina Zühlke.