Literarische Spurensuche – Der SS-Mann in meinen vier Wänden

Inhalt

Willem Verhulst war ein Nazi-Kollaborateur und übergab Hunderte an die Deutschen. Der belgische Autor Stefan Hertmans erzählt in „Der Aufgang“ die Geschichte einer dunklen Gestalt, die einst in seinem Haus lebte.

Stellen Sie sich vor: Sie kaufen ein altes Haus und stecken viel Energie ins Renovieren, Verputzen und Streichen. Freude an den neuen strahlenden Wänden. Und plötzlich stellt man fest: Vor Jahren lebte ein fieser Nazi-Verbrecher in der neuen Heimat.

Eine ähnliche Erfahrung machte der flämische Schriftsteller Stefan Hertmans, einer der bekanntesten Autoren Belgiens. 1979, damals fast 30 Jahre alt, kaufte er ein altes und baufälliges ehemaliges Patrizierhaus im Zentrum seiner Heimatstadt Gent.

Jahrzehnte später erfuhr Hertmans, dass er das ehemalige Haus des flämischen Nazi-Kollaborateurs Willem Verhulst bewohnte. Er starb 1975. Diese Erkenntnis schockierte den Schriftsteller so sehr, dass er beschloss, der Sache nachzugehen. Das Ergebnis ist der spannende Roman „Der Aufgang“.

Bildunterschrift: “Provisional Alien Passport”, ausgestellt für Willem Verhulst auf seiner Flucht nach Deutschland im Oktober 1944 in Hannover. Libera Center

Auf eine literarische Entdeckungsreise

Das Werk überzeugt durch seine präzise Sprache. Und durch die Art und Weise, wie Stefan Hertmans verschiedene Erzählstränge miteinander verwebt, so meisterhaft wie in seinen vorangegangenen Romanen „Mein Großvaters Himmel“ und „Der Fremde“.

Der erste Faden von “L’escala” ist ein Rundgang durch die vielen Räume von Gants Haus: vom Keller bis zum Dachboden, wo die Tauben leben.

Auf einer zweiten Ebene beschreibt der Autor seine Recherche: Studium von Zeitungen, Gerichtsakten und Bildern. Treffen von alten Leuten, die den NS-Verbrecher noch kannten.

Mit fortschreitendem Wissen zeichnet sich allmählich das Bild von Willem Verhulst ab: ein fanatischer flämischer Nationalist voller Hass auf den mehrsprachigen und multikulturellen belgischen Staat als Ganzes.

Titel: Stefan Hertmans Roman „War and Turpentine“ wurde für den Man Booker International Prize 2017 nominiert. IMAGO / Pixsell

Der ewige Konflikt

Der Roman bezieht sich daher auf den innerbelgischen Kontrast zwischen dem niederländischsprachigen Norden und dem französischsprachigen Süden. Der Konflikt plagt das mehrsprachige Königreich Belgien seit seiner Gründung im Jahr 1830. Und er spaltet das Land bis heute.

Für den flämischen Nationalisten und Wallonenhasser Willem Verhulst war Hitler ein Retter, weil er versprach, das „arische“ Flandern als „Westdeutschland“ dem Deutschen Reich anzugliedern.

Als die Deutschen 1940 im Rahmen der Westoffensive in Belgien einfielen, ging für Verhulst ein Traum in Erfüllung. Er wurde begeisterter SS-Angehöriger und denunzierte Hunderte seiner Landsleute als angebliche „Reichsfeinde“.

Buch Referenz

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Stefan Hertmans: „Der Aufstieg“. Diogenes, 2022.

Die Nazis belohnten den unermüdlichen Verrat ihres willigen Helfers großzügig. Und Verhulst verbrachte viel Zeit in seinem Haus in Gent.

Die Banalität des Bösen

„Verhulst war ein Philister“, sagt Stefan Hertmans. In seinem Roman porträtiert er ihn als charakter- und geistlosen Menschen. Als jemand, der sich als bürokratischer „Schreibtischarbeiter“ noch nie die Hände schmutzig gemacht hat.

Die Frage, “wie ein so banaler Charakter so kriminell werden konnte”, habe ihn gefesselt, sagt Hertmans. Denn heute seien sie oft wieder “triviale Jungs, die sich von schrecklichen Ideen verführen lassen und Populisten und Rechtsextremisten hinterherlaufen”.

Letztlich ist es die uralte Frage nach dem Ursprung des Bösen, die Stefan Hertmans umtreibt. Einfache Antworten gibt er nicht. Aber es schafft es, uns Leser in die Suche nach ihr einzubeziehen. Und in uns durch das Beschriebene einen Schock auslösen, der weit über die Lektüre des Romans hinaus wirkt.

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