Bachmann ist zurück. Am Samstag, dem 96. Geburtstag des Schriftstellers, ist dies unzweifelhaft zu sehen. Die Stimmung beim 46. Tag der deutschsprachigen Literatur war außerordentlich gut, als er nach zwei Jahren Voll- oder Teilverlagerung ins Netz wegen der Krone wieder auf die Seite zurückkehrte. Die erste Neuerung, die Lesungen in den Garten zu verlegen, hat sich bewährt. Die zweite Innovation soll morgen Sonntag bei der Preisverleihung demonstriert werden.
Das Vergabeverfahren wurde kurz vor den Diskussionen zwischen den Veranstaltern und der Jury komplett neu konzipiert und geändert. Die Jurymitglieder geben heute ihre Punktzahl ab, obwohl sie nicht über die von ihnen vorgeschlagenen abstimmen können. Kurz zuvor wurde die Modalität geändert: Jedes Jurymitglied hat nun 4, 3, 2 und einen Punkt zu vergeben. Anschließend fasst der Rechtsberater die Ergebnisse zusammen und erstellt daraus die Gewinnerliste, deren Bekanntgabe mit dem Gewinn mit dem geringsten Gewinn, dem 3sat-Preis (7.500 Euro), beginnt. Bei Stimmengleichheit stimmt die Jury wie bisher öffentlich ab, der Verlierer erhält automatisch den nächstniedrigeren Preis. Damit soll der gelegentliche „Schritt“ von Autoren vermieden werden, die im Tiebreak um den Hauptpreis verloren haben und am Ende doch nichts bekommen haben. Morgen werden wir sehen, ob es eine gute Idee war. Bei der neuen Methode wird es auch keine vergleichende öffentliche Debatte der Jury über die möglichen Siegertexte geben.
Und wer kehrt morgen mit einer Auszeichnung nach Hause zurück? Der letzte und jüngste im Feld, der Wiener Spoken-Word-Profi Elias Hirschl, darf wohl als Favorit auf den Publikumspreis gelten. Auch der Auftritt der Deutschen Mara Genschel mit amerikanischem Schnurrbart und Slang und der immer absurder werdende Text des Soziologen Juan S. Guse zogen die Öffentlichkeit an und überzeugten auch die Jury weitgehend. „Dieser einfache Zugang lässt mich mehr an die Gegenwart denken als alle Moralhämmer, die wir gehört haben“, sagte Klaus Kastberger. Denn die Klimakrise und die Zerstörung der Welt haben endlich den Bachmann-Preis erreicht. Viele Texte beschreiben eine apokalyptische oder postapokalyptische Welt. Guse kann mit großen Gewinnchancen rechnen.
Ana Marwan kann dasselbe tun. Die in Niederösterreich lebende Slowenin stellt mit ihrem Text „Swapping Toads“ nicht nur eine Reihe anspielungsreicher und vielschichtiger Texte dar, die in literarischer Hinsicht überzeugen konnten, sondern auch exemplarisch für die Vielseitigkeit des Fachs in diesem Jahr. Teilnehmer, bei denen besonders viele Autorinnen und Autoren nicht Deutsch als Muttersprache sprechen. Auch der Rumäne Alexandru Bulucz hat mit seinem Text „Einige Landesgrenzen weiter östlich, von hier aus gesehen“ ernsthafte Gewinnchancen, was – mit gewissen Warnungen – auch für Eva Sichelschmidt und Leon Engler gilt. Mit Außenchancen können Barbara Zeman und Clemens Bruno Gatzmaga rechnen.
Die Jury wird heute Abend ihre Punkte vergeben. Was morgen beim Frühstück zu besonderen Pokerfaces führen sollte. Denn in dem Jahr, in dem erstmals die direkte physische Nähe von Lesern und Jurys unterdrückt wurde, was auch die Veranstaltung digital vor Ort etwas mehr fördert, haben sich die Autoren, die in diesem Jahr über ein besonders großes Kollegium verfügen, ja entwickelt Kaution, hinterlegt im selben Hotel wie die Geschworenen. Manche(r) hätten hungrig in den Tag starten sollen.