Ein Sieg des vom Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon ins Leben gerufenen Linksbündnisses gilt aufgrund des Wahlsystems als höchst unwahrscheinlich. Prognosen gehen immer wieder von etwa 100 Sitzen weniger aus als Macrons Lager. Aber das würde sie zur stärksten Oppositionskraft machen.
Von den 577 Sitzen in der Nationalversammlung wurden im ersten Wahlgang nur fünf vergeben. Die zweite Runde der Wahlen am 19. Juni entscheidet nun über die verbleibenden Amtszeiten. Dafür haben sich nun zumindest die ersten beiden Wahlkreise qualifiziert. Auch alle Kandidaten, die mindestens 12,5 Prozent der Stimmen aller registrierten Wähler erhalten haben, dürfen kandidieren. Angesichts der historisch niedrigen Wahlbeteiligung von 47,51 Prozent ist diese Hürde vielen zu hoch. Am Ende zählen nur die Stimmen des Siegers des jeweiligen Wahlkreises.
Dem vorläufigen Endergebnis zufolge erhielt das durchschnittliche Bündnis bundesweit 25,75 Prozent der Stimmen. Es war nur ein Haar vom Linksbündnis mit rund 20.000 Stimmen. Die neu gebildete Koalition aus Linken (FI), Grünen (EELV), Sozialisten (PS) und Kommunisten (PCF) unter Führung von Mélenchon erreichte 25,66 Prozent.
Als politisch zentrale Kraft ist Macrons Bündnis nun besser in der Lage, die Stimmen der ausgeschiedenen Kandidaten abzufangen, die Prognosen zufolge zwischen 255 und 310 Sitze liegen. Erwarten Sie vor allem ehemalige Wähler der konservativen Republikaner (LR). Die bisher größte Oppositionspartei gewann bundesweit im ersten Wahlgang nur 10,42 Prozent und ist mittlerweile in vielen Wahlkreisen nicht mehr vertreten. Für die Linke wird es viel schwieriger, andere Stimmen zu gewinnen. Prognosen schätzen seine Chancen auf 150 bis 210 Sitze in der Nationalversammlung.
Unmittelbar nach den ersten Screenings zeichnete sich ab, dass beide Lager eine ähnliche Strategie verfolgten. Die Linke will von der Unzufriedenheit mit Macron profitieren, schaut euch ihr Bündnis an! als Fehlschlag und warnt vor “fatalen Projekten”. Sein Lager wiederum fordert Nicht-Extremisten auf, sich gegen Instabilität zu stellen. Premierministerin Elisabeth Borne sagte sogar, dass Frankreichs Werte auf dem Spiel stehen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und die Trennung von Kirche und Staat. Macron selbst äußerte sich zunächst nicht.
Die rechte Partei Rassemblement National von Marine Le Pen, Macrons unterlegener Gegnerin im zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahl, spielte am Sonntag eine untergeordnete Rolle. Rechtspopulisten erhielten 18,68 Prozent der Stimmen, dürften aber erstmals seit 1986 die Zahl der Sitze und die Fraktionsgröße erhöhen, dürften aber unter ihrem Zielwert von 60 Prozent bleiben.
Nach anfänglichem Zögern hat Macrons Wahlbündnis am Montag eine Wahlempfehlung gegen Le Pens Rassemblement National abgegeben. „Wo es zu einem Duell zwischen RN und NUPES kommt, ist ganz klar: Keine Stimme für RN“, sagte Regierungssprecherin Olivia Grégoire am Montag gegenüber RTL. Stanislas Guérini, Vorsitzender der Macron-Renaissance-Partei (ehemals LREM), bekräftigte die Empfehlung. Die Präsidentenpartei hatte am Vorabend Kritik auf sich gezogen, als sie in einer ersten Reaktion erklärt hatte, sie werde „von Fall zu Fall“ entscheiden, ob sie im zweiten Wahlgang Wahlempfehlungen abgeben werde.
Dass linke Kräfte dem Präsidenten und seinen Verbündeten so nahe gekommen sind, ist ein schwerer Schlag für Macrons zentrales Bündnis. Laut Politologe Bruno Cautres verliere man nun das “Image einer Maschine, die alles gewinnen kann”, sagte er gegenüber Le Parisien. Für Mélenchon ist das knappe Ergebnis jedoch ein Erfolg. Die Hoffnung, Macron werde ihn zum Ministerpräsidenten einer linken Mehrheit machen, ist jedoch praktisch verflogen.
Die 15 Regierungsmitglieder, die bei den Parlamentswahlen kandidierten, stehen alle im zweiten Wahlgang. Wenn sie verlieren, müssen sie von Regierungsämtern zurücktreten. Während Ministerpräsident Borne und Haushaltsminister Gabriel Attal gute Aussichten auf einen Wahlsieg haben, sieht es bei Umweltministerin Adeline de Montchalin und Europaminister Clément Beaune nicht gut aus.
Die Nationalversammlung ist eine der beiden Kammern des Parlaments. Er ist an der Gesetzgebung beteiligt und kann die Regierung mit einem Misstrauensvotum stürzen. Ohne eine parlamentarische Mehrheit ist es schwierig, Frankreich zu regieren, obwohl die Verfassung der Fünften Republik es erlaubt, Gesetze in einigen politischen Bereichen ohne parlamentarische Abstimmung zu verabschieden. Diese Regelung soll eine Regierung mit schwacher Mehrheit stabilisieren. Macrons absolute Mehrheit befürchtet nun auch, wie viele seiner Projekte er umsetzen kann.