Es ist ein klarer Morgen, zu kühl, um den Sommer zu beginnen. Typisch für das Waldviertel, wo alles immer etwas frischer und rustikaler ist. Michael Jäger, leidenschaftlicher Kometenforscher, stört das nicht, denn er ist die kühlen Nächte im Waldviertel gewohnt. Der Rentner ist bereits damit beschäftigt, die ersten Anpassungen an seinem Arbeitsteam vorzunehmen. Das 1,2 Meter lange weiße Teleskop, bestückt mit allerlei Kameras und Zusatzequipment, ist in einer ebenso weißen Holzhütte untergebracht, die alle Teile technisch interpretiert.
Mit einem leisen Geräusch schiebt Jäger die Decke seiner weißen Beobachtungsstation zurück. Dann wird das Teleskop aufgebaut, die Messgeräte temperiert, der Laptop eingeschaltet und die Spezialkamera ohne Rotfilter aktiviert. Jäger ist bereit, seiner Leidenschaft nachzugehen. Der Journalist ist spezialisiert auf die Beobachtung von Kometen im Sonnensystem. Und nicht nur für sich selbst. Es steht in Kontakt mit dem Center for Minor Planets der International Astronomical Union, wo die Beobachtung kleiner Körper im Sonnensystem zentral erfasst wird. Das Waldviertler Observatorium liefert regelmäßig neue Daten zur Berechnung der Kometenbahnen.
InfoAstronomisches Zentrum WalviertelObservatorium Orion3664 Oed bei Martinsberg
Veranstaltungen 13.7., 20.30 Uhr „Vollmond der Faszination“ mit Walk23.7., 21.00 Uhr Konferenz Komet C / 2017 K2 Panstarrs30.7., 20.30 Uhr „Coaching für Einsteiger“ 12.8., 20.00 Uhr „Faszination Vollmond“ und Perseiden 27.8., 20.00 Uhr „Die Gasriesen“ 24.9., 19.00 Uhr „Weltraumgefahr“, auch kleinere Planeten Vesta und Juno 25.10., 11.00 Uhr Sonderbesuch „Partielle Sonnenfinsternis“
Es ist ein kleines Areal am Rande von Martinsberg (Ortsteil Zwettl), auf dem heute Astronomie betrieben wird. Früher war es ein Gemeinschaftslager. Aber heute sind die Gebäude der Astronomen weithin sichtbar. Dass dies so ist, ist dem Wiener Rentner Josef Trinko zu verdanken, der hier Ende der 1960er Jahre in einer kleinen Holzhütte die erste Sternwarte baute. Er war Martinsberg begegnet, als er nach einem möglichst dunklen Ort zum Beobachten suchte. Leider hatte der leidenschaftliche Amateurastronom nur wenige Jahre Zeit, sich an seiner Arbeit zu erfreuen. Nach seinem Tod Ende der 1960er Jahre zog die kleine Sternwarte in die Gemeinde ein. Und so für den Moment im Traum.
2.700 Stunden Restaurierung
Erst 1999 erinnerte man sich an das Schmuckstück und begann mit viel ehrenamtlicher Arbeit, Hütte und Teleskop komplett zu renovieren. 2.700 Stunden ehrenamtliche Arbeit leisteten Gerhard und Alwin Janu und ihre Assistenten für das Projekt, das interessierten Besuchern wieder zur Verfügung gestellt wurde. In den letzten Jahren wurden mehrere Gebäude auf dem Gelände errichtet, das 2021 zu einem „astronomischen Zentrum“ geworden ist. Erst im vergangenen Jahr wurde mit Hilfe der Stadtverwaltung und des Landes ein Konferenz- und Tagungsraum errichtet. Jetzt gibt es erstmals auch einen Jahresfahrplan im Web (siehe Kasten). Ein Verein mit etwa 90 Mitgliedern verwaltet das Gebiet und bietet Schulungen, Beobachtungen, Konferenzen und Exkursionen an.
Komet Neowise auf dem Martinsberg im Juli 2020.
– © Michael Jäger
Michael Jäger und sein Teleskop sind Teil des Vereins. Dort baute er auch sein Observatorium. Nach seinem Tod ging es auch in das Eigentum der Gemeinde über. Eine weitere private Sternwarte ist bereits in Planung. Mit dem Jäger-Teleskop ist es möglich, viele Objekte in der Milchstraße zu beobachten, wie zum Beispiel Objekte im Messier-Katalog, die alle Amateurastronomen aus ihren Beobachtungen kennen. Seine Leidenschaft für Kometen wird Jäger jedoch nicht los. Immerhin hat er schon zwei davon entdeckt, von denen einer sogar seinen Namen trägt. Der Komet 290/P „Jäger“ mit einer Umlaufzeit von 15 Jahren war bereits Ende der 1990er Jahre im Netzwerk, doch diese Funde sind heute selten geworden, da das Feld von Observatorien intensiv untersucht wird, vor allem aus den USA. „Um einen solchen Erfolg feiern zu können, braucht es drei Dinge“, resümiert Jäger: „Viel Zeit, Geduld und natürlich ein bisschen Glück.“
Apropos Geld: Astronomie ist ein Hobby, in das man durchaus etwas tiefer einsteigen kann, wenn man es ernst nimmt. Jäger schätzt seine Investitionen im Laufe seiner Karriere auf rund 50.000 €. Er relativiert: „Andere fahren ein teures Auto, ich bevorzuge ein gutes Teleskop.“ Tatsächlich gibt es auch Amateurastronomen, die nicht einmal über eine eigene Ausrüstung verfügen: Sie analysieren Bilder und Daten von Profis. Forschungseinrichtungen veröffentlicht. Auch diese verfügen nicht über unendliche Ressourcen und sind dankbar, wenn „Citizen Scientists“ die Begutachtung übernehmen. Auch hier lassen sich zuweilen Entdeckungen machen, wobei “Wohnzimmerastronomen” von wahren Sternbeobachtern immer mit etwas Mitleid beäugt werden. Schließlich ist es auch die engagierte Beschaffung und Pflege des Materials, die das Herz von Astronomie-Enthusiasten höher schlagen lässt.
So wie der Astronom Jäger, der heute an dem historischen Fernrohr aus den 60er Jahren arbeitet.Das gute Stück sollte man sich nicht verstecken, denn es hat eine beeindruckende Brennweite von 3,5 Metern. Fokussiert man auf den Erdmond, ist das Bild so groß, dass nicht der ganze Mond in das Okular passt, man muss also Stück für Stück beobachten. Fans der Mechanik werden sich über ein weiteres Merkmal des Teleskops freuen, denn es verfügt über eine vollmechanische Schiene, die von einer Uhr aus Messingrädern angetrieben wird. Obwohl das Gerät seit sechzig Jahren auf dem Buckel hat, ist es dank liebevoller Pflege in einem guten Zustand und wird hauptsächlich für Beobachtungen des Sonnensystems und für Vorführungen bei Besuchen und Konferenzen eingesetzt.
Auf dem Gelände des Astronomischen Zentrums sticht ein weiteres Gebäude hervor, ein Betonturm mit einem Geländer an der Spitze. Zwei Kameras sind auf seinem Kopf montiert und blicken jede Nacht in den Himmel. Auf dem Turm steht “Fireball Observatory”. Tatsächlich sind die Kameras Teil eines internationalen Wetterbeobachtungsnetzwerks. Wenn ein Meteor am Nachthimmel aufleuchtet, wird sein Weg von etwa zwanzig Kameras an verschiedenen Orten verfolgt. Daraus lässt sich errechnen, wo der Meteorit eingeschlagen sein soll. Danach suchen die Menschen nach den Überresten, die von sehr klein bis zu einem halben Meter groß sein können. Das Projekt wird von der Tschechischen Akademie der Wissenschaften geleitet und ist ein gutes Beispiel für grenzüberschreitende Forschungszusammenarbeit.
Hilfe für Amateurastronomen
Schütze-Lagunennebel: Rote und blaue Nebel und stellare Vielfalt befinden sich in der Nähe des Zentrums unserer Milchstraße.
– © Michael Jäger
Das Astronomische Zentrum besucht man am besten im Rahmen von Veranstaltungen, aber auch private Besuche (ab sechs Personen möglich). Mitte Juni besucht eine Martinsberger Schulklasse einen Leseabend, und natürlich ist der Besuch der Sternwarte ein Highlight für die Kids. „Aber auch Hobbyastronomen, die einen geeigneten Ort für eigene Beobachtungen suchen, sind willkommen“, sagt Jäger. Der großzügige, gepflasterte Parkplatz wird oft als Aussichtsplattform genutzt. Das Observatorium bietet auch Strom und andere Infrastruktur für Amateurastronomen. Über den Bau einer Beobachtungssäule (an der man dann sein eigenes Teleskop montieren kann) wird bereits nachgedacht. Dies erspart Ihnen das Mitführen eines eigenen Stativs.
Aber warum so weit fahren, wenn man Sterne, Monde und Galaxien beobachten möchte? Geht das nicht auch in Ballungsräumen? „Leider nicht“, sagt Jäger, „denn Lichtverschmutzung ist ein großes Problem. In und um Städte gibt es so viel Streulicht, dass Kinder gar nicht mehr wissen, was ein echter Sternenhimmel ist.“ Ein Umstand, den nicht nur Astronomen bedauern. Dieses Problem haben Sie in Martinsberg nicht mehr, denn die Stadt liegt ziemlich genau zwischen den Ballungsräumen Wien und Linz. So ist sogar ein Himmel der Klasse 3 nach der Bortle-Skala möglich. Diese neunstufige Skala (wobei 1 am besten und 9 am schlechtesten ist) gibt Aufschluss darüber, wie gut ein Ort für die Beobachtung ist. Die Klassen 1 und 2 werden übrigens in Mitteleuropa nicht mehr gegeben. Wenn Sie einen Himmel der Klasse 1 wollen, müssen Sie buchstäblich “in die Wüste gehen”.
Dass immer mehr Regionen von Lichtverschmutzung betroffen sind, ist nicht nur für Astronomen ein Problem, denn Licht kann auch Tiere irritieren und im schlimmsten Fall töten. Biologen warnen schon lange davor, dass die Nacht zumindest in weiten Teilen der Natur Nacht sein sollte. Die Einführung der harten LED-Beleuchtung verschärft das Problem nun. Deshalb unterstützt die International Dark Sky Movement Martinsberg. Wobei richtig dunkle Nächte im Waldviertel noch nie eine Seltenheit waren.