“Maximale Kapazität ist 80 bis 85”

Stau vor dem Gotthardtor: Auch ein Tempolimit von 60 km/h ändere nichts, glaubt Experte Kay W. Axhausen von der ETH Zürich.

KEYSTONE / URS FLUEELER

Tempolimits von 60 km/h auf der Autobahn sollen das Stauproblem in der Schweiz lösen. Doch so einfach, wie es der Bund will, wird es nicht, sagt Verkehrsplaner Kay W. Axhausen.

In der ganzen Schweiz nehmen die Staus stetig zu. 2021 wurden fast 32.500 Staustunden verzeichnet – mehr als doppelt so viel wie 2010. Das Bundesstraßenamt (Astra) will nun gegensteuern – mit einem radikalen Vorschlag. blue News hat Kay W. Axhausen, Professor für Verkehrsplanung an der ETH Zürich, gefragt, was er davon hält, die Geschwindigkeit auf einigen Autobahnen auf 60 km/h zu begrenzen.

An den Menschen

zVg / Kay W. Axhausen

Kay W. Axhausen ist Professor für Verkehrsplanung an der ETH Zürich.

Tempo 60 auf den Straßen: Ist das ein sinnvoller Schritt aus der Heimat von Verkehrsministerin Simonetta Sommaruga?

Es ist eher ein Überraschungsspiel, denn bekanntlich liegt die maximale Kapazität einer Autobahn bei Geschwindigkeiten von 80-85 km/h. Es sei denn, es gibt neue Ergebnisse, die ich noch nicht kenne. Wenn das Ziel darin besteht, die Kapazität der Autobahn zu reduzieren, kann dieser Antrieb effektiv erreicht werden.

Noch will der Astra versuchen, das Stauproblem mit dem Tempolimit auszuschalten: Immerhin summierten sich die Abfüllzeiten im vergangenen Jahr auf knapp 32.500 Stunden.

Erstens sind die Straßen und Straßen der Stadt zwei verschiedene Dinge. Natürlich haben sie miteinander zu tun, weil der Verkehr von der Autobahn auf die Straßen der Stadt und umgekehrt fließen will. Aber 60 km/h auf Autobahnen helfen nicht, Staustunden auf anderen Straßen zu reduzieren. Ich befürchte vielmehr, dass es zu einer Reduzierung von Kapazität und Geschwindigkeit kommt, was zu neuen Zeitverlusten führt.

Ist es eine Illusion, dass der Verkehr auf Autobahnen durch Harmonisierungssysteme länger mit 60 km/h aufrechterhalten werden kann?

Der Astra kann das untersuchen, aber es ändert nichts daran, dass die Kapazität meines Wissens bei 80 bis 85 km / h liegt, weil diese Geschwindigkeit die Leistung maximiert. Je nach örtlichen Gegebenheiten kann es auch zu geringfügigen Abweichungen nach oben und unten kommen.

Welcher Anteil der 32’500 Staustunden in der Schweiz sind Autofahrer und welcher Anteil Verkehrsplaner?

Wir stehen immer im Stau, wir bleiben dort und wenn wir losfuhren, wussten wir meistens, dass wir mit vielen anderen Leuten unterwegs sein würden und dafür war die Kapazität der Straße nicht vorgesehen. Also: Obwohl wir wissen, dass es am Gotthard einen Osterstau geben wird, fahren wir ab und bleiben dann am Gotthard im Osterstau stecken.

Verkehrsplaner wiederum machen Vorschläge für Verkehrsführung und Infrastruktur, die in der Schweiz politisch abgesegnet werden müssen. Wir sind also grundsätzlich wieder für die Verkehrsplanung zuständig.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, um Staus zu vermeiden?

Wir könnten neue Straßen bauen, was normalerweise nicht viel Begeisterung hervorruft. Wir könnten Tarife für Straßenbenutzer einführen, um erwartete Staus durch den Preis anzuzeigen: das heißt, höhere Preise, wenn eine hohe Nachfrage besteht, um eine Route zu benutzen. Siehe Ostermarmelade. Wir könnten auch hoffen, dass autonome Fahrzeuge uns retten, was sie sicherlich noch eine Weile tun werden. Ansonsten bleibt nur, weniger zu fahren. Oder zu Zeiten fahren, in denen andere nicht fahren wollen.

Letzteres mag bei Urlaubsfahrten beherrschbar sein, im Berufsverkehr wird dies aber schwierig.

Alternativen gibt es fast immer. Heute können viele Menschen entscheiden, ob sie wirklich ins Büro gehen oder lieber von zu Hause aus arbeiten möchten. Der Zeitplan ist flexibel: Sie können später oder früher zur Arbeit gehen. Sie können auch auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen oder mit dem Fahrrad fahren. Natürlich gibt es Situationen, in denen es nur mit dem Auto geht. Allerdings muss man sich immer fragen: Was kann ich selbst tun, um den Verkehr zu entlasten?

Der Bundesrat will den Ausbau der Autobahnen in vier Regionen angehen

Der Bundesrat schlägt dem Parlament die definitive Genehmigung von fünf Autobahnausbauprojekten vor. Er verlangt einen Kredit von 4,3 Milliarden Franken, wie Verkehrsministerin Simonetta Sommaruga am Mittwoch in Bern mitteilte.

26.01.2022

Sehen Sie in Eigenverantwortung also eine Möglichkeit, Staus zu vermeiden?

Leider gibt es immer das Problem des kollektiven Handelns: Jeder Einzelne hat das Gefühl, dass sein kleiner Beitrag dem ganzen System nicht hilft, weil er denkt, die anderen tun nichts. Deshalb sehe ich in Straßenbenutzungsgebühren einen Vorteil: Sie würden allen die Notwendigkeit einer Verhaltensänderung signalisieren. Diese Kosten wären ein Anreiz für genügend viele Menschen, etwas zu verändern.

Würden die Menschen nicht lieber auf mautfreie Straßen ausweichen?

Sie könnten es tun. Aber dann fahren sie länger. Oder über Alternativen nachdenken. Die Logik hinter dem Konzept des Mobility Pricing: Wir bepreisen die Straßen verbrauchsabhängig und können so Verkehrsspitzen glätten. Dieses Konzept ließe sich beispielsweise auf Parkplätze in Innenstädten oder an stark befahrenen Straßen ausdehnen. Einnahmen könnten zum Beispiel in den Ausbau des Angebots des ÖPNV investiert werden.

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