Mehrheitsbefragung erstmals in Deutschland zum Verbleib von Atomwaffen

Exklusiv

Stand: 02.06.2022 12:00 Uhr

Angesichts des Krieges Russlands gegen die Ukraine ändert sich in Deutschland die Haltung gegenüber Atomwaffen: In einer Umfrage des Magazins Panorama spricht sich inzwischen die Mehrheit für deren Erhalt aus.

Von Robert Bongen, Hans-Jakob Rausch und Jonas Schreijäg, NDR

Die Mehrheit von 52 Prozent der Deutschen befürwortet den Verbleib von US-Atomwaffen in Deutschland. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen infratest-dimap-Umfrage im Auftrag des ARD-Politmagazins Panorama. 40 % der Befragten sagten, Atomwaffen sollten abgestellt bleiben, und 12 % befürworteten sogar eine Modernisierung und Aufstockung der Waffen. Nur noch 39 Prozent stimmen für einen Abzug.

Seit dem Krieg in der Ukraine hat sich auch die Einstellung der Deutschen gegenüber Atomwaffen verändert. In vergleichbaren Umfragen gab es in den vergangenen Jahren oft sehr deutliche Mehrheiten für den Abzug der US-Atomwaffen. Laut einer Studie der Münchner Sicherheitskonferenz sprachen sich bis Mitte 2021 nur 14 % der Befragten für Atomwaffen in Deutschland aus, eine Mehrheit von 57 % wollte deren Abzug.

In Rheinland-Pfalz lagern Atombomben

Schätzungen zufolge lagern derzeit 20 US-Atombomben auf dem Luftwaffenstützpunkt Büchel in Rheinland-Pfalz im Rahmen des Konzepts des “nuklearen Teilens” innerhalb der NATO. Im Ernstfall bringen deutsche Kampfjets amerikanische Bomben zum Ziel. Im Koalitionsvertrag hatten Ampels Parteien das Ziel eines “atomwaffenfreien Deutschlands” formuliert.

Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine hat die Bundesregierung jedoch angekündigt, die veraltete Büchel-Tornado-Flotte durch moderne Lockheed-Martin-F-35-Flugzeuge ersetzen zu wollen und damit Deutschlands Rolle in der nuklearen Abschreckungspolitik der Nato zu stärken.

Große Unterstützung von Grünen Unterstützern

In der aktuellen Umfrage im Auftrag von Panorama ist die Unterstützung für US-Atomwaffen unter den Anhängern von Bündnis 90/Die Grünen besonders hoch: 64% befürworten den Erhalt oder sogar die Aufstockung nordischer Atombomben-Amerikaner in Deutschland. Knapp dahinter liegen CDU/CSU- und FDP-Anhänger mit 61 Prozent. Nur in der AfD stimmte eine Mehrheit von 56 Prozent für einen Waffenabzug.

Anders sieht die Frage in West- und Ostdeutschland aus: Während sich im Westen 56 Prozent der Befragten für mehr Parken oder Angebot aussprechen, sind es im Osten nur 38 Prozent. Andererseits befürworten 54 % den Abzug der US-Atomwaffen.

Weber: Apropos nukleare Option

Nun gibt es auch Stimmen in der Politik, über Atomwaffen innerhalb der EU nachzudenken. Hintergrund sind Putins nukleare Drohungen, vor allem aber die Sorge, dass ein zukünftiger US-Präsident wie Donald Trump erneut die Nato-Mitgliedschaft und damit Sicherheitsgarantien für Deutschland in Frage stellen wird.

Der neu gewählte Vorsitzende der Europäischen Volkspartei (EVP), CSU-Politiker Manfred Weber, sagte im Panorama-Interview: „Die heutige Europäische Union ist, um es ganz brutal auszudrücken, nackt in einem „Wir können uns heute nicht als Europäer sehen , wir können uns ohne externe Partner nicht konventionell oder atomfrei verteidigen. Und das heißt, wir müssen jetzt über die nukleare Option sprechen.“

Auch der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, Christoph Heusgen, forderte eine neue Stärkung der europäischen Sicherheit: „Was den nuklearen Schutzschild betrifft, müssen wir mit Frankreich sprechen und über die Ausweitung des französischen Atomprogramms diskutieren“, sagte Heusgen in der Panorama-Interview. Frankreich ist das einzige EU-Land mit Atomwaffen.

Deutschland selbst hat sich verpflichtet, keine Atomwaffen zu haben. Die Panorama-Umfrage zeigt, dass eine deutliche Mehrheit von 71 Prozent der Befragten immer noch der Meinung ist, dass Deutschland innerhalb der EU keinen Zugang zu eigenen Atomwaffen haben sollte. Immerhin 20 Prozent befürworten das. Die repräsentative infratest dimap-Umfrage fand vom 30. Mai bis 1. Juni unter 1.337 Wahlberechtigten in Deutschland statt.

Mehr zu diesem Thema erfahren Sie im Panorama-Programm am Ersten um 21:45 Uhr.

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