Die durch Mücksteins Instagram-Account bekannten Fälle reichen von unangenehm bis schwer traumatisch – und sind in vielen Fällen ein Zeichen extremer Respektlosigkeit und mangelnder Professionalität: Da ist zum Beispiel der renommierte Regisseur und Lehrer, der in der Schauspielausbildung sagt, Schauspieler hätten „einen echte Erektion in Sexszenen, und diese auszuhalten oder sogar zu genießen, gehört zum Berufsbild einer Schauspielerin.”
Da ist auch der Schauspieler, der einen Kollegen überredet, in sein Hotelzimmer zu kommen, um Texte zu studieren, und dann eine Nackenmassage und Oralsex vorschlägt. Andere Fälle seien zu ernst, um sie wörtlich auf seinem Instagram-Kanal zu teilen, sagte Mückstein gegenüber ORF.at: „Mir wurden mehrere Vergewaltigungen gemeldet. Ich habe von einem sehr jungen Schauspieler gehört, der von einem Chef vergewaltigt wurde.“
Fotografische Serie mit 4 Bildern
Screenshot instagram.com/katharina_karli_pincopallina/ In einer Insta-Story sammelte Mückstein anonym Missbrauchserfahrungen, die ihm seine Filmgeschäftskollegen zuschickten. Screenshot instagram.com/katharina_karli_pincopallina/ In Posts Angriffe auf Filmsets, Theater und Kino. Vienna Film Academy beschrieb Screenshot instagram.com/katharina_karli_pincopallina/ Zeigt ein System von Aggression und Machtmissbrauch Screenshot instagram.com/katharina_karli_pincopallina/ Kein Autor genannt, rechtliches Risiko hoch
Verspätete Ankunft von “#MeToo”
Dabei handele es sich laut dem Regisseur nicht um eine rein binäre Mann-Frau-Thematik, “ich habe auch Vorwürfe wegen offenkundiger Gewalt gegen Männer, gewalttätiger Homophobie, Rassismus, Transphobie erhalten.” Mückstein sagt, der Missbrauch ereignet sich dort, wo ein zu großes Machtungleichgewicht herrscht. Die Reaktionen geben ihm recht: Seit knapp einer Woche herrscht Hektik in der österreichischen Filmbranche. Eine Reihe von Instagram-Posts, die die Regisseurin zunächst über einen aus rechtlichen Gründen nicht genannten Fall und dann über ihre eigenen Aggressionserfahrungen schrieb, finden immer mehr Anklang.
Daraufhin schrieben ihm Dutzende von Opfern sexueller Gewalt über ihre Erfahrungen. Viele von ihnen sind noch in der Ausbildung oder ganz neu in ihrem Beruf, was wohl auch an der jungen Struktur der Instagram-Nutzer liegt. Einige dieser Meldungen teilt Mückstein seit Tagen anonym auf seinem Account. Sie zeichnen das Bild einer Branche, in der Machtmissbrauch immer noch mit Autorität verwechselt wird und sexuelle Übergriffe zum Alltag gehören.
Elsa Okazaki Katharina Mückstein (“Das Tier”) will die Kultur des Schweigens in der Filmbranche brechen
Das Echo ist enorm, die Medien berichten von zahlreichen, heftigen Reaktionen – und oft auch unverständlich. Auf der einen Seite sind die Täter das Problem, auf der anderen Seite aber auch eine patriarchalische Struktur, die Missstände relativiert und allzu oft den Betroffenen die Schuld gibt. Das liegt vor allem an den drastischen Machthierarchien in der Film- und Theaterbranche, angefangen bei der Bildung, die elitär und kompetitiv ist. Wer sich einen Platz an einer Filmhochschule gesichert hat, ist oft bereit, einiges in Kauf zu nehmen.
Respekt und Gleichberechtigung
„Im klassischen Bild des Schauspielberufs muss man seine eigenen Grenzen nicht wahren“, sagt Mückstein. Es ist ein weitreichender Irrglaube, dass erfolgreiche Führung bedeutet, Macht zu demonstrieren. „Während meiner Ausbildung hatte ich Angst, kein guter Regisseur zu sein, weil ich niemanden unter Druck setzen oder manipulieren konnte“, sagt Mückstein. “Erst Jahre später, am Set eines Regisseurs, habe ich gesehen, dass der Regisseur und die Schauspieler gleichberechtigt sein können.”
Dringend benötigte Debatte
Missverstandener Respekt vor Prominenten, wirtschaftliche Abhängigkeiten und ausgeprägte Hierarchien erschweren die Abwehr von Missbrauch. Ein weiterer Aspekt ist die fehlende Vereinbarkeit von Filmschaffen und Kinderbetreuungsaufgaben. Unregelmäßige Arbeitszeiten und schwer planbare Beschäftigungsmuster sind extremer als in anderen Branchen, wie eine kürzlich vorgestellte Studie der österreichischen Produzenten-Interessengemeinschaft Film Fatal zeigt.
Das ist einer der Gründe, warum Frauen in Schlüsselpositionen in Produktion und Drehbuch immer noch unterrepräsentiert sind, obwohl fast gleich viele Filmabsolventen Frauen sind. Allerdings ist sich die Branche uneinig darüber, wie dieser Mangel an Gerechtigkeit kompensiert werden kann. Im vergangenen Herbst verließen rund ein Drittel aller Regisseure den Österreichischen Filmregisseursverband, darunter Namen wie Barbara Albert, Ruth Beckermann, Sabine Derflinger, Marie Kreutzer, Elisabeth Scharang, Eva Spreitzhofer und Mirjam Unger.
Als Gründe nannten sie unter anderem mangelnde Streitkultur, mangelnde Transparenz und unterschiedliche Auffassungen, etwa zur Quote der Filmförderung. Als „Genossenschaften #diedirectors*nnen“ begrüßen diese Filmschaffenden ausdrücklich die nun von Mückstein angestoßene Debatte: „Wir wollen, dass die Betroffenen dabei unterstützt werden, auf Regelverstöße aufmerksam zu machen und eine verantwortungsvolle Produktion offensiv und auch mit Maßnahmen zu begleiten das Arbeitsrecht gegen Autoren “.
APA/Hans Punz „Haltung muss sich ändern“: Verena Altenberger, die bald wieder als Love Interest in Salzburg zu sehen sein wird, bei ORF.at
Nähe macht verletzlich
Auch Schauspielerin Verena Altenberger fordert im ORF.at-Interview eine grundlegende Änderung: „Für mich ist es eine Frage der Einstellung in der Branche, ob man Fehlverhalten meldet oder nicht. Das muss sich ändern.“ Die Schauspielerin kennt das Problem vor allem unter jungen Mitschülern: „Solange man weniger bekannt ist, ist man finanziell viel abhängiger, anfälliger, jünger und weniger erfahren und hat kein stabiles Netzwerk , und wenn man verwundbar ist, kommt es viel leichter zu Aggressionen.“
“Aber sobald man eine bessere Position hat und das Gefühl ‘Jetzt kann ich was sagen, jetzt würde ich mich trauen’, passiert viel seltener. Vor zehn Jahren war ich auch viel anfälliger als heute”, sagt Altenberger Aus Anschlägen ist bisher nichts Konkretes bekannt geworden, dafür gibt es handfeste Gründe: “Je vertrauter das Umfeld und die Arbeitssituation, desto schwieriger ist es, öffentlich darüber zu sprechen.”
Großes Risiko für Betroffene
„Außerdem ist es umso schwieriger, je kleiner die Branche ist, weil jeder weiß, wer mit dieser Person großartige Arbeitserfahrungen gemacht hat, und jeder weiß, wer ihn für den nächsten Film in Auftrag geben wird“, sagt die Schauspielerin. “Und dann gibt es einfach Abhängigkeiten: wirtschaftliche Existenz, künstlerische Existenz, familiäre Beziehungen, Freundschaften.” Vieles bleibt in der Debatte ungesagt, vor allem die Namen, und das wird sich so schnell nicht ändern.
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Filmakademie: Übergriffe nur “in der Vergangenheit”
Das finanzielle Risiko eines Verfahrens ist zu groß, die Beweisführung zu schwierig. Auch das Risiko, wegen Reputationsschäden strafrechtlich verfolgt zu werden, ist zu groß. Umgekehrt ist das Risiko, die Grenzen anderer zu verletzen, offenbar nicht hoch genug. Wenn die Angriffe diskutiert werden und die Namen der Beteiligten bekannt sind, ist der potenzielle berufliche Schaden derzeit enorm, insbesondere für das Opfer.
Enormer Diskussionsbedarf
Auch deshalb kommen so viele Menschen nach Mückstein. Die Erleichterung der Betroffenen, sicher über ihre Erfahrungen sprechen zu können, ist enorm. Einige würdigen die Autoren sogar, sagt der Regisseur: „Von einem Filmproduzenten wurde mir gesagt, dass der Chef der neuen Mitarbeiter im Internet nach Fotos in Bikinis suchte und sie zeigte. Und als ich den Bericht teilte, sagten mir andere, sie hätten geschrieben: ‚ Oh, ich weiß, ich habe auch für die Firma gearbeitet!’“
Das #wir_tun! bietet professionelle Unterstützung bei Angriffen innerhalb der Filmbranche, die Betroffene auch mit Konferenzen und Workshops unterstützt. An der Filmakademie Wien sei die Stelle mittlerweile so bekannt, weil jüngere Studierende bei der Planung von Filmprojekten selbstverständlich mitarbeiten, sagt Katja Dor-Helmer, die Produktion an der Filmakademie lehrt.
Mückstein glaubt jedoch nicht, dass sich das Problem durch einen Generationswechsel irgendwann von selbst lösen wird: „Der Diskurs und das Bewusstsein haben sich verändert, aber die Gewalt- und Täterproblematik wächst leider auch mit der Jugend.“ Fast fünf Jahre braucht „#MeToo“, um die österreichische Filmbranche zu erreichen. So unangenehm dies für manche auch sein mag, der Anfang ist bereits getan.