200 Jahre ist es her, dass Wien mit einem neuen Virus infiziert wurde. Es hieß: Rossini-Fieber. Als die Wiener Klassik ihren Höhepunkt erreichte und Österreich und Europa erkannten, dass die napoleonischen Kriege nicht zu einer regelmäßigen Struktur wie zuvor führen würden, waren bekannte Modelle im Bereich der populären Musik, unabhängig von ihrer Größe, obsolet geworden. „Beethoven und Schubert mussten erleben, dass der Musikgeschmack und die Erwartungen des Wiener Publikums weit von den eigenen Vorstellungen entfernt waren“, schreibt Beethoven-Biograf Jan Caeyers.
Eine Warnung:
Die Wiener Staatsoper spielt dieses Jahr im Juli und feiert Premiere bis zum 8. Juli, wenn eine große Rossini-Gala stattfindet, die „Il Turco“ mit Cecilia Bartoli in der Hauptrolle und einem halbszenischen „La Cenerentola“ drei Tage lang gewidmet ist zur Rossini-Mania vor 200 Jahren.
Künstlerischer Enthusiasmus statt politischer Revolution
Während es auf politischer Ebene mit den Repressionen und Erfahrungen der Französischen Revolution keine neue Unordnung auf der Welt gab und auch mit repressivsten staatspolizeilichen Mitteln Ordnung hergestellt werden musste, durfte die Musik als Ventil kultiviert werden Begeisterung. Kurz nach dem Ende des Wiener Kongresses (1815) war mit Rossini, dem Pesaro und seiner Oper „Tancredi“ ein neues Musiktheatermodell im Umlauf, das viele attraktiver fanden als die Schattenoper Beethovens. “Fidelio”.
„Die Welt ist verloren: Europa brennt, und erst aus der Asche wird eine neue Ordnung der Dinge hervorgehen“, sagte Metternich, der in der Aufklärung geschult wurde, den Sturz im Schatten Napoleons 1806. Der visionäre, taktische und Stratege Metternich, der aus dem Rheinland an die Politik des Wiener Hofes gekommen war, wollte eine zweite Revolution und ordnungsstörende Umstürze mit allen Mitteln verhindern. „Es ist ein Weltbürger, der den repressiven Staat plant. Und er ist ein kultivierter Bürger, der die Zeichen der Zeit und den wechselnden Geschmack erkennt.“ Wie beim Wiener Publikum heißt Metternichs nächster Stern am Musikhimmel Rossini.
Focosi, Roberto / ÖNB-Bildarchiv / picturedesk.com Szene aus der Oper „Die Belagerung von Korinth“ von Gioachino Rossini (2. Akt, Finale) im Wiener Hoftheater
Domenico Barbaia am Wiener Hoftheater
Im Herbst 1821 nutzte Metternich die Kongruenz des eigenen Geschmacks mit dem des Publikums: Die nicht wirklich neue Krise des Kärntnertortheaters wurde zum Moment der Schachbewegung des jungen Haus-, Hof- und Staatskanzlers . Metternich engagierte Domenico Barbaia, den Geschäftsmann Rossinis und damals den wohl erfolgreichsten Opernunternehmer, der bereits in Mailand und Neapel die Erwartungen des Publikums zu erfüllen wusste. Der Musikhistoriker Caeyers erklärt, dass Erfolg beim Publikum statt ausgefeilter künstlerischer Konzepte Barbaias Maxime war.
CM Neuer Geschmack, neue Aufführung der Oper: Domenico Barbaia, Geschäftsmann von Rossini, von Metternich nach Wien geholt
Barbaia, der sein Amt am 1. Dezember 1821 antrat, spielte sicher zu seinen eigenen Bedingungen. Er holte Rossini und seine Frau Isabella Colbran nach Wien und ließ hier so oft wie möglich Rossinis Opern aufführen. In der ersten Staffel gab es 60 Rossini-Abende. Carl-Maria von Webers „Freischütz“ sowie Beethovens „Fidelio“ spielten weiterhin die Rolle von Fugenopern. Ein noch härteres Schicksal musste Schubert mit seinen „Fierrabras“ erleiden, da das Stück noch vor der Uraufführung abgesagt wurde.
Beethoven und “der Schmetterling”
“Sie sagen vox populi, vox Dei”, das heißt, die Stimme des Volkes sei die des Herrn, kommentierte Beethoven diese Annäherungsversuche und fügte hinzu: “Ich habe nie daran geglaubt.” Im April 1822 besuchte Rossini Beethoven in seiner Wohnung in der Landstraße. . Bei Metternichs Diner setzte sich Rossini, von der Not aufgeschreckt, für bessere Lebensbedingungen des Titanen der Wiener Klassik ein. Doch die Zusage des Italieners wurde vor Gericht mit einem trockenen Kommentar entschieden: Bekäme Beethoven ein Haus, würde er es nur verkaufen. „Der Schmetterling flog dem Adler in die Quere, aber der Adler wich ihm aus“, kommentierte Robert Schumann später Beethovens Begegnung mit Rossini.
Michael Pöhn / Wiener Staatsoper Rossinis fieberhafte Rückkehr an die Wiener Staatsoper 2022: Hier eine Szene aus „Il Turco“
Für Metternich und Rossini selbst war der neue Kult um den Komponisten ein Erfolg. 15 italienische Opern wurden in Wien aufgeführt. Anfang der Woche wollte die Wiener Staatsoper wissen, ob Rossinis Einfluss so groß sei, dass er Schubert daran hindere, Opernkompositionen zu komponieren.
Mit der Verlängerung der Opernsaison auf die ersten Juliwochen versöhnt die Oper nicht nur die Abstinenzgeschichte Cecilia Bartolis mit der Staatsoper seit der Ära Holender. Wenn man ab Sonntag beispielsweise „Il Turco“ mit Bartoli und einer großen Sängerbesetzung zu sehen bekommt, versucht das, die Ekstase zurückzugewinnen, die das Publikum damals, 200 Jahre nach Rossinis Fieber, erfasste.