Deutschlands Erschöpfungszustand
SPD-Politiker Michael Roth legt überraschend eine Pause ein
Stand: 11:51 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Michael Roth (SPD) zieht sich aus der Politik zurück
Quelle: dpa / Britta Pedersen
Seit Ausbruch des Krieges in der Ukraine wurde der SPD-Politiker Michael Roth zu vielen Talkshows eingeladen. Nun zieht sich der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages überraschend zurück und spricht offen über psychologische Themen.
Der SPD-Politiker Michael Roth zieht sich überraschend seit einiger Zeit aus der Politik zurück. Grund dafür sei ein Erschöpfungszustand, sagte der 51-Jährige dem Spiegel. „Ich hatte Versagensängste. Panik vor dem, was kommt. Ich wusste es bis dahin nicht. Da war klar: Ich brauche Hilfe“, sagt Roth, die seitdem in Behandlung ist.
Begonnen haben die Schwierigkeiten laut Roth im Bundestagswahlkampf 2021. Die Fristen kosteten ihn mehr Kraft als sonst: „Wenn ich zu spät lief, geriet ich manchmal in Panik“, sagt Roth. Auch litt er unter starken Stimmungsschwankungen, fühlte sich innerlich leer, verspürte plötzlich ungewohnte Ängste und scheiterte im Alltag mit Dingen wie Einkaufen. “Ich hatte das Gefühl, als würde ich im Arktischen Ozean von Land zu Land springen und sie würden immer kleiner.”
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Roth konnte jedoch in den Bundestag zurückkehren, sein Parteikollege Olaf Scholz wurde Bundeskanzler und Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages. Aber sein Zustand hat sich nicht verbessert. „Es ist schade, sein Mandat nach einem manchmal verdammt schwierigen Wahlkampf verteidigt zu haben. Und es ist ein ungeheurer Reiz zu sehen, wie oft ich zitiert werde, wie viele Auftritte ich habe, wie viele Follower. Das ist heute die Währung, und die ist schwer zu knacken“, sagte Roth, die seit 1998 Bundestagsabgeordnete ist.
Zusammenbruch der sozialen Netzwerke
Inzwischen sagt Roth, es gehe ihm besser, er habe Familie und Freunde sowie seine Mitarbeiter informiert. Sein Team gönnt ihm nun längere Pausen zwischen den Terminen. Im Juni möchte sich Roth auf Anraten seines Arztes für vier Wochen komplett zurückziehen und auch auf Social Media verzichten. Er hat sich deswegen krankschreiben lassen. Darin sieht er einen der Gründe, warum er nicht mehr abgestellt werden konnte.
„Du entschuldigst dich. Du gehst auf die Toilette, du sagst, wenn du im Urlaub bist, dass du mit Freunden kommunizierst und du bist in den sozialen Medien“, sagt Roth. Man ist ständig versucht, sich an aktuellen Ereignissen zu beteiligen. “Mobiltelefone können süchtig machende verrückte Sachen sein.” Gleichzeitig hat er seit drei Jahren kein Buch fertigstellen können. “Manchmal frage ich mich: ‘Wo ist jetzt die Heftung des Buches? Und wenn sie nicht da wäre, würde ich das Buch wieder beiseite legen.’
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Außenpolitiker Roth hat sich vor allem seit dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine profiliert, in dem er immer wieder die Position der Bundesregierung deutlich gemacht hat. “Die Ukraine kann und muss diesen Krieg gewinnen”, sagte er kürzlich dem ZDF. Für ihn geht es bei einem Sieg der Ukraine im Krieg mit Russland vor allem um die Wahrung der Souveränität des Landes.
Das bedeutet, dass die Ukraine frei, demokratisch, souverän bleibt, ihre territoriale Integrität gewahrt bleibt und dass sie eine Chance hat, Mitglied der Europäischen Union zu werden. „Das wäre ein Sieg für die Ukraine. Es geht nicht darum, dass die Ukraine russisches Territorium angreift. In der Ukraine wird auch darüber gesprochen, wie die territoriale Integrität gewahrt werden kann, inwieweit sich beispielsweise die Rückgewinnung der von Russland besetzten Gebiete lohnt.
Michael Roth (SPD, links) mit Bärbel Bas (SPD) und dem Parlamentspräsidenten der Ukraine
Quelle: dpa / Britta Pedersen
Zuletzt empfing er die Parlamentspräsidentin der Ukraine, Rusla Stefanchuk, mit Bundestagspräsidentin Bärbel Bas und dem Präsidenten des Europäischen Komitees, Toni Hofreiter. Dabei ging es auch um Waffenlieferungen aus Deutschland in die Ukraine, über die immer wieder gesprochen wird. „Es ist komplizierter, als es manchmal den Anschein hat. Ich unterwerfe niemandem böse Absichten. Aber jetzt wissen wir alle, dass die eigene Handlungsfähigkeit der Bundeswehr sehr begrenzt ist“, sagte Roth vor wenigen Tagen dem Deutschlandfunk.
Roth will nach der Sommerpause zurückkommen. „Ich liebe meinen Job. Ich brenne dafür“, fährt er fort. „Aber jetzt weiß ich, dass man die Überforderung ernst nehmen muss. Sonst gerät man schnell in eine Existenzkrise.“
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