Migros «Arena»: «Mit dem Verkauf von Alkohol sinken Duttis Werte»

In der SRF-“Arena” zum Alkoholverkauf an die Migros warnte Ökonom Stefan Vogler vor Imageschäden. Bild: Screenshot: srf arena

Soll die Migros künftig Alkohol verkaufen oder nicht? Das Thema ist zum Politikum geworden und die SRF «Arena» hat sich damit auseinandergesetzt. Was auffiel: Die Gäste in der zweiten Reihe hätten zur ersten gehören sollen.

27.05.2022, 23:5728.05.2022, 07:39

Konsequenzen

Man könnte meinen, dass es wichtigere Themen für ein Diskussionsformat wie „Arena“ gibt. Ob ein Händler ein bestimmtes Produkt verkaufen soll, hängt vom Unternehmen ab. Nicht so in der Schweiz, wo die Frage “ist es Migros oder ist es Coop-Chind?” es ist Identität. Hier ist ein politisches Thema.

Das neuste Arena-Programm widmete sich dem Thema, über das die rund 2,3 Millionen Genossenschafter der Migros am 4. Juni entscheiden werden: Soll die Migros künftig Alkohol verkaufen oder nicht?

Sie betreten den Ring zur Unterstützung des Alkoholverkaufs:

  • Renata Georg, Initiatorin des Alkoholvotings und Mitglied der Delegiertenversammlung des Migros-Genossenschafts-Bundes
  • Nicolo Paganini, Nationalrat Die Mitte (SG), Mitglied der Migros-Verwaltung Ostschweiz und Präsident des Schweizerischen Bierverbandes

Auf der anderen Seite:

  • Lilian Studer, Vizepräsidentin und ehemalige CEO Blaues Kreuz Aargau / Luzern
  • Ueli Mäder, emeritierter Professor für Soziologie

Dass die Konsumenten in dieser Frage abstimmen, liegt an der Rechtsform der Migros. Seit 1983 haben Genossenschaften in ihren Statuten erklärt, dass sie keinen Alkohol verkaufen.

“Veraltet”

Das soll sich jetzt ändern. Es sei an der Zeit, Verbraucher zu hinterfragen, sagte Initiatorin Renata Georg. “Wir haben das Gefühl, dass es nicht mehr zeitgemäß ist, keinen Alkohol zu verkaufen.” Mit „uns“ meinte Georg sich und seine Wahlkampfgefährten. Der Migros-Vorstand äußerte sich nicht zur Frage.

Wichtig: Jede der zehn regionalen Genossenschaften entscheidet für sich. Es könnte also sein, dass die Migros Basel nach dem 4. Juni keinen Alkohol mehr verkauft, die Migros Ostschweiz aber schon.

Eine Patchworkdecke? Nein, Georg verteidigen. Das ist Demokratie im Sinne von «Dutti», dem verstorbenen Migros-Vater Gottlieb Duttweiler.

Auf Seiten der Betreuer stach besonders der Gast aus der zweiten Reihe hervor. Matthias Müller, Präsident der Jungen Liberalen, findet: Was die Migros besonders macht, ist nicht das Alkoholverbot. In der Schweiz gebe es viele Alkoholiker, das sei tragisch, sagt Müller. Aber: «Ich vertraue darauf, dass Migros-Konsumenten verantwortungsvoll mit dem Alkoholsortiment umgehen.» Dafür bekam der junge Liberale sogar Applaus.

Keine Auslöser für Alkoholiker

Diese Worte brachten Lilian Studer auf den Plan. Als ehemalige Geschäftsführerin des Blauen Kreuzes, einer christlichen Selbsthilfeorganisation im Suchtfall, kam sie nicht umhin, Müllers Worte zu kommentieren. “Vielen ist die Bedeutung der Migros für Alkoholiker nicht bewusst.” Sie hatte täglich mit Betroffenen zu tun und wusste: «Süchtige gehen bewusst in die Migros, weil sie dort nicht in Versuchung kommen.»

Studer war auf einem guten Kurs, als er falsch lag. “Viele Leute können mit Alkohol nicht umgehen, das ist fast die Ecke Thurgau.” Brotz schaltete sich ein und stellte nach: «Deshalb leben nicht alle Alkoholabhängigen im Thurgau.» Das brachte die Studiogäste zum Lachen und entkräftete Studers wirklich ernsthafte Argumentation. Damit meine ich, dass in der Schweiz rund 300’000 Menschen alkoholabhängig sind. Dies entspricht in etwa der Einwohnerzahl des Kantons Thurgau.

Das führte die Verteidiger direkt zum nächsten Kernargument: Alkohol werde bereits unter dem Dach der Migros verkauft, konkret an Denner, LeShop und Migrolino. Renata Georg beschwerte sich: „Das ist nicht fair! Die Migros ist hierzulande der zweitgrößte Spirituosenhändler.

Die Soziologin versucht nun zu ergänzen, was Lilian Studer bereits zu diesem Thema erläutert hat. Es gehe nicht nur darum, Suchtbetroffene zu schützen, sagt Ueli Mäder. Denken Sie an die Kinder alkoholabhängiger Eltern und andere Verwandte. Der Luxus, alles aus einer Hand kaufen zu können, hat seinen Preis: „Freiheit ist nicht nur die Freiheit des Einzelnen, sie beinhaltet auch eine Komponente der Verantwortung.“

Mäder sprach für die Presse vorbereitete Sätze, befasste sich aber oft mit umfassenderen und tieferen Themen. Dabei verlor er nicht nur die Opposition, die kaum auf seine Argumente reagierte, sondern wohl auch die Öffentlichkeit.

Die Imagefrage und was “Dutti” wollte.

Auch die zweite Reihe war bei den Gegnern des Alkoholverkaufs etwas überzeugender. Ökonom Stefan Vogler warnte vor dem Risiko für die Migros. “Sie könnten Ihr Image gefährden”, sagte er zu Georg und Paganini. Viel wichtiger wäre es für die Migros, ihre Einzigartigkeit als Genossenschaft zu demonstrieren, bei der der Profit nicht das Problem ist. „Seien Sie respektvoll gegenüber Alkohol. Es ist der Anfang, Duttis Werte nicht mehr zu leben.“

Was Duttwiler gewollt oder getan hätte, durchzog die Auseinandersetzungen auf diesem Gebiet bis zuletzt. Jede Seite interpretierte ihre Haltung zu ihren Gunsten. Befürworter ihres Falls haben daran gearbeitet, die eigentliche Abschrift dieser Aussage online verfügbar zu machen. 1928 beschloss er im Kampf gegen die alkoholbedingte Armut, keinen Alkohol in den Migros-Geschäften zu verkaufen.

In einem Punkt waren sich alle einig: Dass nun über das Thema abgestimmt wurde, sei im demokratischen Sinne Duttweilers.

Ein Gast ging während der Debatte verloren. Paganini versäumte es, in wesentlichen Punkten einzugreifen oder überzeugend zu argumentieren. Was er aber gut zusammenfasste: „Es ist erstaunlich, dass sich dieses Szenario heute abspielt. Es zeigt, dass Duttweilers Erbe die Gesellschaft durchdringt und dass er ein guter Geschäftsmann war.“

Diese Werbung ist immer gut für die Migros-Geschäfte. Mit anderen Worten: Es gibt keine schlechte Publicity.

WTF: Ist das vegan? Migros

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WTF: Ist das vegan? Migros

schrift: jennifer zimmermann / jennifer zimmermann

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