1. Juli 2022
Molière und der Sonnenkönig: Wojo van Brouwer und Michou Friesz © APA / Sophia Wiegele
Mit „Molière oder der Heiligenschein der Heuchler“ nach Michail Bulgakow beendet Michael Sturminger nach neun Jahren seine künstlerische Leitung bei den Perchtoldsdorfer Sommerspielen. Und in seiner Inszenierung platziert es den Stoff irgendwo im Niemandsland inmitten des sich drehenden Bühnenhumors in „Naked Madness“, dem Verkleidungsschinken, der Parodie und dem Mysterium, sozusagen bei der Premiere am Donnerstagabend zu sehen.
Was für zauberhafte, poetische, mitunter beeindruckende Theaterabende hat Sturminger seinem Publikum vor Schloss Perchtoldsdorf beschert! Diesmal sollte es ein besonderes Ende geben, denn in diesem Stück geht es um den großen Dramatiker Molière, dessen 400. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird, und um die Ära des Stalinismus in Russland, eine kaum zu übersehende Parallele zu aktuellen Totalitaristen. Gewalt, Verleumdung, Fake News und die Rolle der Kirchenlobby werden diskutiert, alles andere als überholte Themen.
Leider ist von dieser multidimensionalen Mehrdeutigkeit fast nichts zu sehen oder zu erfahren. Natürlich triumphieren schöne, fotogene und opulente Szenen, die vom musikalischen Garten akustisch untermalt werden (die meisten Schauspieler agieren auch als Musiker des Ensembles „Jean et les Dubtistes“). Hier ist Sturminger in seinem Element. Der hohe Klerus wird fett, Frauen spielen Männer, Männer tragen Rüschenröcke (das kennen wir schon zu gut) und Windelhosen. Aber die Dinge wollen wirklich nicht fließen. Da helfen auch die kleinen Faustworte nicht: Als der wütende Molière (Wojo van Brouwer) seinen Schützling Moyron (Milena Arne Schedle) hinauswirft, weil er ihn mit seiner jungen Frau (Hannah Rang) auf frischer Tat ertappt hat, lässt Sturminger ihn sagen: „ Du spielst auf Jahrmärkten! In Sommertheatern!“
Sturmingers Kritik fällt alles andere als böse aus: Im Prolog zum Libretto der Sendung spricht er von „glücklichen Sommern“ und seiner „fantastischen Truppe“, die ihm eine „ständige künstlerische Heimat“ biete. Es gibt keine Einwände, aber jetzt sieht es so aus, als wäre die Luft raus. Statt strenger Brisanz gibt es eine ranzige Mumie zu sehen. Spätestens wenn Molière auf für alle spektakuläre Weise am Herztod stirbt und dann in einer endlosen Prozession zu Grabe getragen wird, fragt man sich zu später Stunde, ob das Gesehene wirklich die Essenz des Inhalts war, oder ob Bulgakov. er hätte umschreiben können: “Wenn mein Stück, um auf die Bühne gehen zu können, bis zum Sinnverlust gelähmt werden muss, dann muss es gar nicht kommen.”
(SERVICE – Perchtoldsdorfer Sommerspiele: „Molière oder Der Heiligenschein der Heuchler“ nach Michail Bulgakow, Regie: Michael Sturminger, Musik: Michael Pogo Krainer, mit Wojo van Brouwer, Hannah Rang, Veronika Glatzner, Michou Friesz, u.a. Weitere Aufführungen bis 30. Juli, Werkpräsentation vor jeder Veranstaltung um 19.15 Uhr Karten und Infos: Tel. 01 / 86683-400, sommerspiele-perchtoldsdorf.at)