Stand: 29.07.2022 10:20 Uhr
Die Hypothekenzinsen haben sich seit Januar mehr als verdreifacht. Experten zufolge ist der Trend jedoch vorerst gestoppt. Sie erwarten, dass die Zinsen höchstens zum Jahresende leicht steigen werden.
Nach dem rasanten Zinsanstieg sehen Experten eine Verschnaufpause für Bauherren und Käufer von Immobilien. Nach einem jüngsten Abwärtstrend erwarten sie, dass die Bauzinsen im Laufe dieses Jahres relativ wenig steigen oder sich seitwärts bewegen werden. Bereits vor der Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank (EZB) waren die Zinsen für Baukredite mit zehnjähriger Laufzeit laut dem Münchener Kreditvermittler Interhyp deutlich gesunken. Sie lagen zuletzt bei rund drei Prozent nach gesunden 3,4 Prozent an der Spitze.
„Momentan ist der Trend beim Bauzins rückläufig“, sagt Max Herbst, Gründer der Finanzberatung FMH. Es gibt einen kurzfristigen Dip, der Aufwärtstrend ist gebrochen. Zuletzt hielt Herbst nach der Sommerpause noch vier Prozent Bauzinsen für möglich. Nachdem sich die Bauzinsen seit Januar von 0,8 Prozent auf über drei Prozent mehr als verdreifacht haben, erwartet Interyhp nun weniger Schwung.
“Wirtschaftliche Belange gewinnen an Bedeutung”
„Die Banken haben die Erwartungen hinsichtlich erwarteter Zinserhöhungen bereits weitgehend einkalkuliert, und Konjunktursorgen gewinnen an Bedeutung“, erklärt Mirjam Mohr, Leiterin Privatkundengeschäft bei Interhyp. Das bremst den Zinsanstieg. Die Zeichen stehen nun für eine straffere Geldpolitik. Bis zum Jahresende rechnet Interhyp mit einem moderaten Anstieg der Bauzinsen auf 3,5-4 % für zehnjährige Kredite.
Zurückhaltender ist Ditmar Rompf, Geschäftsführer des Baufinanzierers Hüttig & Rompf. Viele der von der EZB angekündigten Zinserhöhungen wurden bereits bei den Bauzinsen antizipiert. Drei Prozent Zinsen hält er auch zum Jahresende für realistisch.
Der Anstieg der Zinsen schwere Belastung für Kreditnehmer
Grund für den Anstieg der Bauzinsen seit Jahresbeginn war die hohe Inflation, die die Notenbanken unter Druck setzt, die Zinsen anzuheben. Auch die EZB hat weitere Zinserhöhungen angekündigt. In Erwartung einer strafferen Geldpolitik stiegen die Renditen 10-jähriger Staatsanleihen, die als Basis für Bauzinsen dienen, in die Höhe. Zuletzt sind die Renditen jedoch stark gefallen.
Der Anstieg der Zinsen seit Januar ist eine enorme Belastung für die Kreditnehmer. Bei einer Baufinanzierung von mehr als 400.000 Euro bei einem Effektivzins von drei Prozent kommen auf zehn Jahre knapp 79.000 Euro Mehraufwand hinzu, hat das Vergleichsportal Check24 kürzlich errechnet.
Sorgen um die Schuldenkrise machen Anleihen attraktiver
Pekka Sagner, Immobilienexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW), rechnet mit einer Abflachung der Zinsen. In letzter Zeit habe es deutliche Übertreibungen gegeben, sagte er. Sollten weitere Zinserhöhungen der EZB Sorgen über eine Zahlungskrise in hoch verschuldeten Ländern wie Italien auslösen, könne die Zinskonstruktion weiter sinken, sagte Sagner. “Die Vorstellung, dass steigende Leitzinsen automatisch höhere Zinsen bedeuten, ist irreführend.”
Sorgen um eine neue Schuldenkrise in Südeuropa könnten Bundesanleihen für Anleger attraktiver machen. Dies würde deren Preise erhöhen und wiederum die Renditen von Bundesanleihen und damit die Zinsen für Bauprojekte drücken.
Die EZB hat bereits angekündigt, notfalls mit Anleihekäufen einzugreifen, falls die Zinsen auf Wertpapiere der Euroländer überproportional steigen. Auch FMH-Experte Herbst glaubt, dass die Situation in Italien mit der jüngsten Staatskrise dazu führen könnte, dass Anleger vermehrt Sicherheit in Bundesanleihen suchen.