Update Deutschland und Welt 07.06.2022, 14:50 Uhr
Zugunglück: Ermittlungen gegen Eisenbahner wegen fahrlässiger Tötung
Fünf Menschen sterben, weil ein Regionalzug bei Garmisch-Partenkirchen entgleist. Gegen drei Bahnangestellte wird nun wegen fahrlässiger Tötung ermittelt.
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Kurz nach der Entgleisung des Zuges sind Not- und Rettungskräfte an der Unfallstelle im Einsatz. Unterdessen geht die Suche nach der Ursache weiter: Experten untersuchen die Pfade. © Angelika Warmuth / dpa
Garmisch Partenkirchen. Nach dem Zugunglück bei Garmisch-Partenkirchen hat die Staatsanwaltschaft München II Ermittlungen gegen drei Personen wegen des Anfangsverdachts der fahrlässigen Tötung eingeleitet. Bei den Angeklagten handele es sich um Mitarbeiter der Deutschen Bahn, sagte die Sprecherin der Münchner Presse-Agentur, Andrea Grape, der Deutschen Presse-Agentur am Dienstag.
„Bisher war es ein Anfangsverdacht“, sagte Grape. Bis zum Abschluss der Ermittlungen bleibt abzuwarten, ob Bahnangestellte eine Mitschuld tragen. “Wie immer in diesen Fällen gilt auch hier bis zum rechtskräftigen Abschluss des Verfahrens die Unschuldsvermutung.”
Der Regionalzug Garmisch-Partenkirchen Richtung München ist kurz nach der Abfahrt am Freitagnachmittag entgleist. Bei dem Absturz am Freitagnachmittag kamen vier Frauen und ein Teenager ums Leben. Zuletzt wurde am Samstag das fünfte Opfer aus einem Muldenkipper geborgen: ein 13-jähriger Mann aus dem Kreis Garmisch-Partenkirchen, teilte die Polizei am Dienstag mit. Das Alter wurde zunächst auf 14 Jahre festgelegt.
Unter den ermordeten Frauen sind zwei Mütter aus der Ukraine im Alter von 30 und 39 Jahren. Sie sollen mit ihren Kindern nach Bayern geflüchtet sein. Außerdem wurden eine 51-jährige Frau aus Wiesbaden und eine 70-jährige Frau aus dem Landkreis München getötet.
Eine der Frauen erlag am Freitag auf dem Weg ins Krankenhaus ihren Verletzungen, die anderen drei wurden unter den Trümmern geborgen. Eine 34-jährige Frau befindet sich nach wie vor in kritischem Zustand, teilte die Polizei mit. Insgesamt wurden mehr als 40 Menschen verletzt, einige von ihnen schwer.
Warum der Zug entgleiste, ist unklar. „Die Ursache dieses Unfalls wird untersucht“, sagte Grape.
Offenbar rücken jedoch die Schienen und Fahrwerke in den Mittelpunkt der Ermittlungen. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagte dem Bayerischen Rundfunk, die Absturzursache werde “mit Fokus auf technische Mängel” gesucht. Die Fahrgestelle der Waggons seien gesichert, “und derzeit wird auch überlegt, inwieweit einzelne Schienen oder Schwellen gesichert werden sollen. Jedenfalls werden sie derzeit akribisch geprüft und vermessen”, sagte er am Montag.
Ermittlungen können Monate dauern
Die Deutsche Bahn plant laut einem Bericht der Zeitung „Die Welt“ Sanierungsarbeiten an den Gleisen der Unfallstrecke durchzuführen. Daher sollte vom 25. Juni bis 9. Juli zwischen Oberau und Garmisch-Partenkirchen eine nächtliche Korrektur der Gleislage und eine Erneuerung der Gleise erfolgen.
Die Deutsche Bahn teilte mit, dass sie sich aufgrund der laufenden Ermittlungen derzeit nicht äußern könne. “Wir tun natürlich unser Bestes, um die Ermittlungsbehörden bei der Aufklärung der Unfallursache zu unterstützen”, sagte ein Bahnsprecher am Dienstag.
Die Ermittlungen zur Unfallursache führt eine Soko „Zug“ der Kriminalpolizei Weilheim. Am ersten Tag umfasste die Soko bis zu 70 Personen, sagte Stefan Sonntag, Sprecher des Polizeipräsidiums Südbayern im südlichen Oberbayern. Auch am Dienstag nahmen mehr als 40 Forscher an der Untersuchung teil. Ein Sachverständiger der Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchung und ein externer Sachverständiger sind ebenfalls beteiligt.
Derzeit werden Zeugen befragt, darunter Bahnmitarbeiter und Fahrgäste. Es wurde schon mit vielen diskutiert. „Wir versuchen, mit allen zu sprechen, die mit dem Zug gefahren sind. Natürlich ist jeder, der mit dem Zug gefahren ist, ein potenzieller Zeuge“, sagte er am Sonntag.
Die Ergebnisse der Befragungen sollen später sortiert und ausgewertet und dann mit den Ergebnissen der Fachrecherche zusammengeführt werden. “Es ist ein langer und komplexer Prozess, von dem wir hoffen, dass er irgendwann ein Gesamtbild ergibt, das es uns erlaubt, diesen Unfall zu rekonstruieren.”
Nach ersten Schätzungen könnten die Ermittlungen Wochen oder Monate dauern.
Die Bahnstrecke bleibt vorerst gesperrt
Der letzte Muldenkipper wurde am Montag von Kränen geborgen und für den Transport demontiert. Die Stücke wurden vorübergehend in der Nähe platziert. Am Dienstag installierten Helfer die Höhenkontrolle vor der Einfahrt in den Farchanttunnel wieder. Auch Bäume wurden gefällt. Die Lokomotive und ein Waggon standen noch auf dem Bahndamm. „Die Lokomotive und ein Waggon bleiben aufgrund der laufenden Ermittlungen bis auf Weiteres stehen“, sagte ein Bahnsprecher.
Wann die Bahnstrecke wieder freigegeben wird, ist unklar. Es werden Ersatzbusse eingesetzt, von Bahnfahrten im Raum Garmisch-Partenkirchen – Murnau, die nicht unbedingt erforderlich sind, wird jedoch nach Angaben der DB abgeraten.
Laut Polizei wurde die Autobahn 95 in Richtung Garmisch-Partenkirchen wieder freigegeben. Die Tunnel Farchant und Oberau sowie die Bundesstraße 2 an der Unglücksstelle bleiben gesperrt.
Söder: Unglück ist ein „Stich ins Herz“
Kirchen hatten am Montagabend in der Pfarrkirche Maria Himmelfahrt in Garmisch-Partenkirchen ein ökumenisches Gebet abgehalten. Etwa hundert Personen nahmen daran teil.
Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP), der am Samstag mit Bahn-Chef Richard Lutz die Absturzstelle besuchte, versprach eine gründliche Aufklärung des Absturzes. Laut bayerischem Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) waren alle Experten vor Ort der Meinung, dass „die wahrscheinlichste Ursache ein technischer Defekt an Gleis oder Zug“ sein dürfte. Rettungsdienste kämpften mit den Fallstricken einer komplizierten Rettung. Versuche, beispielsweise Waggons mit Hebekissen anzuheben, scheiterten zunächst.
„Das ist ein unglaubliches Ereignis“, sagte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) bei einem Besuch der Absturzstelle am Wochenende. Ein solcher Unfall ist immer ein Schock und ein “Stich ins Herz”. Es war ein Zug, der für viele Studenten da war. „Man muss sich das so vorstellen: Es ist kurz vor den Ferien, entspannte Atmosphäre im Zug, in einer der schönsten Regionen Bayerns, und dann passiert so etwas und verändert womöglich das Leben komplett.“ (dpa)