Stand: 30.06.2022 03:24 Uhr
Wegen des neuen US-Abtreibungsgesetzes müssen Frauen befürchten, dass Handys per Gerichtsbeschluss zugänglich werden. Daher unterdrücken viele von ihnen ihre Zyklusanwendungen. Technologieunternehmen schweigen.
Von Marcus Schuler, ARD Studio Los Angeles
Für Kelly aus dem US-Bundesstaat Kentucky war wenige Stunden nach der Entscheidung des Verfassungsgerichts klar, dass sie ihre Fahrrad-App von ihrem Smartphone löschen würde. “Es ist eine beängstigende Zeit für Frauen. Die Daten dieser Apps können jetzt gegen Sie verwendet werden.”
Kentucky ist einer der Staaten, in denen das Abtreibungsverbot unmittelbar nach der Urteilsverkündung in Kraft trat. Ähnlich wie Kelly dürften in den vergangenen Tagen Hunderttausende Frauen in den USA Zyklus-Apps wie „Flo“ gelöscht haben. Diese Anwendungen speichern die intimsten Informationen. Zum Beispiel, wenn der Benutzer schwanger ist.
Datenschützer raten zur Vorsicht
“Flo” ist eine der beliebtesten Anwendungen. Nach eigenen Angaben hat es weltweit 43 Millionen Nutzer. Allerdings ist das Unternehmen mit Hauptsitz in Großbritannien und einer Tochtergesellschaft in den USA nicht gerade dafür bekannt, sehr sorgsam mit sensiblen Informationen umzugehen.
Vor drei Jahren, so berichtete das Wall Street Journal, habe es angeblich ohne Erlaubnis Daten seiner Nutzer an Facebook weitergeleitet. Und immer dann, wenn sie ihre Menstruation hatten oder schwanger werden wollten.
Datenschutzbeauftragte in den Vereinigten Staaten raten Frauen in betroffenen Bundesstaaten generell zur Vorsicht bei der Nutzung dieser Anwendungen: „Dies könnte dazu führen, dass ein exzessiver Staatsanwalt in einem Staat, in dem Abtreibungen illegal geworden sind, Frauen wegen Verdachts auf Abtreibung strafrechtlich verfolgt“. , sagt Bill Budington von der Nonprofit Electronic Frontier Foundation in San Francisco. Die Organisation setzt sich für Grundrechte im Internet ein.
Dabei gehe es nicht nur um Fahrrad-Apps, sagt der Datenschutzexperte. Grundsätzlich sind alle Technologieunternehmen betroffen, die Daten sammeln, also Google, Facebook, aber auch kleine aufstrebende Unternehmen oder Fahrdienstanbieter wie Uber und Lyft.
Schweigen von Technologieunternehmen überrascht
Was viele Datenschützer heute jedoch überrascht, ist, dass so viele Tech-Unternehmen heute schweigen, vor allem die großen: Google und Facebooks Mutterkonzern Meta.
Ich vermute, sie wollen Fragen zum Umgang mit den erhobenen Daten vermeiden und hoffen sozusagen unter dem Radar fliegen zu können.“
Wenig überraschend hat der Markt für den Kauf und Verkauf personenbezogener Daten in den Vereinigten Staaten ein jährliches Volumen von 29 Milliarden US-Dollar. Auch Googles mobiles Betriebssystem Android funktioniert sehr gut, denn anders als beim Konkurrenten Apple gehört die Auswertung von Nutzerdaten zum Geschäftsmodell.
Untätigkeit im Datenschutz wird nun gerächt
Riana Pfefferkorn untersucht elektronische Überwachung an der Stanford University. Sie sagt, dass die jahrelange Untätigkeit der Regierung in Bezug auf Datenschutzrichtlinien jetzt ihren Tribut fordert, zum Nachteil vieler Frauen in Staaten, in denen Abtreibung verboten ist.
Unternehmen sollten auch darüber nachgedacht haben, wie viele Daten sie sammeln. Wozu werden sie benötigt? Warum werden sie dauerhaft gespeichert? Sie hätten schon vor einiger Zeit klären können, welche Daten verschlüsselt werden, damit weder Unternehmen noch Strafverfolgungsbehörden darauf zugreifen können.
Neues US-Abtreibungsgesetz: Frauen schaffen Zyklusanträge ab
Marcus Schuler, ARD Los Angeles, 30.06.2022 06:35