Nitsch: Das Sechs-Tage-Spiel begann in Prinzendorf

Nach den genauen Vorgaben des im April verstorbenen Aktionskünstlers werden 70 Schauspieler und 100 Musiker am ersten und zweiten Tag des Schlüsselspiels des „Orgien-Mysterien-Theaters“ die Wochenspitze darstellen; die restlichen Tage folgen. in den kommenden Jahren.

Für die Umsetzung sind enge Mitarbeiter des Künstlers verantwortlich, darunter der Pflegesohn Leonhard Kopp, der für die Aktionen an den an den Kreuzen geopferten Menschen und Schweinen verantwortlich zeichnet. Nitschs Assistent Frank Gassner betreut die Märsche im Innenhof von Nitschs Barockschloss.

APA-Redakteur Herwig G. Höller bezeichnete die Aufführung als „massiv“: „Abgesehen von der Fokussierung auf die Musik bleibt die zweite Fassung mit ihrer Aufführungsrunde der Tradition von Nitsch treu. Allerdings hat sich der Zeitgeist geändert: Was zwei Jahrzehnte für einen Skandal sorgte gehört heute zum Kanon der Nachkriegskunst.”

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FOTO FEYERL Szene aus dem „Orgien-Mysterien-Theater“ am Samstag auf Schloss Prinzendorf FOTO FEYERL 70 Schauspieler wirken mit FOTO FEYERL Das 1998 am selben Ort uraufgeführte Stück soll alle Sinne ansprechen

Das Skandalpotenzial ist vorbei

1998 feierte die Manufaktur in Prinzendorf Premiere. Damals gab es Demonstrationen von Tierschützern, eine Anweisung eines FPÖ-Landesrats zur sofortigen Einstellung und Festnahmen nach dem Ausländerbeschäftigungsgesetz. Das sechstägige Spiel war eine der größten Kunstexplosionen der späten 1990er Jahre.

Bis 2022 werden diese Reaktionen zumindest in Österreich der Vergangenheit angehören. Auf Schloss Prinzendorf gab es am Samstag keine Anzeichen für ein starkes Polizeiaufgebot, und einige private Sicherheitsleute waren nur damit beschäftigt, unbefugte Aufnahmen von Nitschs Fans im Innenhof zu verhindern. Die Proteste kamen nur aus den Stallungen des Anwesens selbst: Ohne dass dies in der Partitur vorgesehen war, erhob ein Hahn wiederholt und laut seine Stimme.

APA 1998 Tierschützer demonstrieren vor Schloss Prinzendorf gegen den Sechstagekampf

Weniger Action, mehr Musik

„Das war sein größter Wunsch und wir arbeiten seit Jahren daran, wieder zu einem Sechs-Tage-Spiel zurückzukehren“, sagte Nitschs Witwe Rita am Samstagmorgen. Obwohl ihr Mann lange Zeit schwer erkrankt war, hat er die zweite Aufführung dieses „schönsten Festes der Menschheit“ leider nicht gesehen.

Bei der jetzigen Inszenierung war ihr sehr wichtig, dass es so wahr wird, wie Nitsch es geschrieben hat. Diesmal sei die Musik viel wichtiger als 1998 und es seien weniger Aktionen passiert, erklärte Rita Nitsch. „Mein Mann hat gesagt: Wenn du Aktionen verbietest, dann nur musikalisch“, erklärte sie, mehr dazu bei Rita Nitsch: „Prinzendorf sollte Bayreuth sein“ (noe.ORF.at; 29.4.2022).

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1.000 Liter Blut für Nitschs Sechs-Tage-Match

Ein Orchester unter der Leitung von Dirigent Andrea Cusumano verwandelte die Kompositionen der Künstlerin in wunderbare Klangteppiche, die auch die Schlüsselszenen der Aufführungen betonten. Die nachhaltige Qualität von Nitschs „Orgien-Mysterien-Theater“ zeigte sich am Samstag besonders in diesen emotional starken Momenten, in denen Schauspieler verzückt die Eingeweide von Schweinekadavern rieben oder Blut oder Wein über Gekreuzigte gossen. An diesen Höhepunkten spielten alle Musiker laute, weit auseinanderliegende Töne, und laute Glocken begannen zu läuten, ein offensichtliches Zeichen für Nitschs katholische Sozialisation.

Prozessionen in den Kellern

Auch die Schauspieler, deren weiße Kleider von der Masse des vergossenen Blutes immer röter wurden, zogen am Nachmittag in Prozessionen. Unweit der letzten Ruhestätte des kürzlich im Schlosspark beerdigten Künstlers marschierten sie durch den Schlosspark und in die umliegenden Keller: Blasmusiker aus einem tschechischen Dorf gaben diesem Teil fast volkstümlichen Partycharakter. Nicht nur der obligatorische Weingenuss verbesserte die Stimmung des Publikums.

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FOTO FEYERL Am Nachmittag kamen neue Elemente zum Einsatz und auch eine Band spielte mit. FOTO FEYERL Nitschs Adoptivsohn Leonhard Kopp und sein langjähriger Assistent Frank Gassner übernahmen die schrillen Pfeifen, mit denen Nitsch Regieanweisungen gab. FOTO FEYERL Orgienszene Mysterientheater FOTO FEYERL Die Spielen muss alle Sinne ansprechen

Die späteren Nachmittagsstunden von Tag 1 erwiesen sich als dynamischer als die Morgenstunden, und es wurden neue Elemente verwendet. So stand eine Frau mit leerem Sorgerecht vor einem Kreuz, und an einem Tisch mischten zwei Veteranen bis zur Erschöpfung Tomaten, Weintrauben und Blut. „Ich bin seit 1974 dabei, als ich Nitsch in einer Galerie in Neapel kennenlernte“, erklärt die gebürtige Kroatin Jasmin Baa. Sein Partner in dieser Folge, der italienische Künstler Giuseppe Zevola, sagte der APA, er sei seit einer Ausstellung 1976 in Florenz in Performances seines österreichischen Kollegen aufgetreten.

Ehemalige Schüler von Nitsch nehmen teil

Natürlich dominierten am Samstag Spieler einer deutlich jüngeren Generation. Die österreichische Künstlerin Pia Kober kommentierte, dass es „unglaublich erstaunlich“ sei. „Man vergisst alles um sich herum und ist einfach drin“, sagte Kober, der Nitschs Meisterklasse an der Kolbermoor Academy of Fine Arts absolvierte. Es ist eine große Ehre, am „6-Tage-Spiel“ teilnehmen zu dürfen.

Am Wochenende wurden nach Angaben der Veranstalter rund 500 Besucher registriert. Nachdem die Coronavirus-Pandemie im vergangenen Jahr einen Auftritt zu Lebzeiten des Künstlers scheiterte, beschränken die Veranstalter auch 2022 einen Teil der Produktion, um das Infektionsrisiko zu verringern, das auf einer fertigen Partitur im Frühjahr 2021 basiert.

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