Der 13. August markiert für viele Raver das Ende einer Dürresaison. Dann werden nach zwei Jahren Stille wieder Hunderttausende den Viereinhalb-Boom an der Zürcher Street Parade geniessen.
Offiziell heisst die grösste Veranstaltung der Schweiz – bisheriger Besucherrekord: 1,1 Millionen im Jahr 2018 – „Tanzdemonstration für Liebe, Frieden, Freiheit und Toleranz“. Doch anders als die Euphorie der Techno-Fans herrscht hinter den Kulissen schlechte Stimmung. Zwischen den Veranstaltern kommt es zu einem Territorialkrieg, der die Entwicklung von einer sorglosen Veranstaltung in den Neunzigern zu einem kommerziellen Irrtum hindeutet.
Der Bear of Discord ist die Halle des Zürcher Hauptbahnhofs, die grösste überdachte Halle des Landes. Im Sommer 2021 erhielt die SBB als Eigentümerin des Standorts eine Bewerbung. Der Zürcher Eventprofi Thomas Bischofberger (52) und sein Unternehmen Glamourama S. à. rl hatte Interesse an einer Veranstaltung mit einem anderen Geschäftspartner bekundet. Der „Parademarkt“ soll laut App „niederschwellige Unterhaltung“ für An- und Abreisende bieten. Zum Konzept gehören eine „Styling-Lounge“, Food- und Getränkestände, „Influencer Stages“ – man geht mit der Zeit – und natürlich eine Bühne für DJs und Shows. Es sollten nicht mehr als 2000 Personen gleichzeitig sein, der Eintritt wäre frei.
Bischofberger ist ein alter Mann in der Szene. Zusammen mit „Techno-Papst“ Arnold Meyer (54) und Event-Pionier Hans-Jürg „Schoscho“ Rufener (58) trug er in Zeiten des unbeschwerten Hedonismus Energie-Rettiche im Hallenstadion aus. Es gab eine symbiotische Beziehung mit der Street Parade: keine Parade, keine Energie, keine Energie, keine Parade.
Manchmal übertraf die Oerlikon-Party die Parade an Besucherzahlen, und manchmal heißt es, Energy habe die Parade sogar finanziert.
Das Beste der Streetparade 2019: Das war die größte Techno-Party der Welt (01:29)
Hallenstadion bereits besetzt
Dass Bischofberger und seine Teamkollegen nun für HB unterschreiben, hat einen nüchternen Grund: Im August wird das Hallenstadion abgebaut, weil der Hockeyclub ZSC in seine neue Heimat, die Swiss Life Arena in Altstetten, umzieht.
Von den beantragten Stellen kamen positive Signale: Die Immobilienabteilung der SBB erteilte nach Prüfung durch die Verkehrs- und Feuerwehrpolizei ihre Zustimmung. Am 23. März erhielt Glamourama den von der Eisenbahngesellschaft unterzeichneten Vertrag.
Auch die Kantonspolizei Zürich war geöffnet. Man sei mit einem zusätzlichen Kontingent „gut aufgestellt“ und solle „auf Augenhöhe“ sein, solange die Organisatoren ein einwandfreies Management der Massen, also eine sichere Kontrolle der Menschenmassen, gewährleisten können, sagte ein Vertreter der Kapo auf einer Konferenz im März 22. Protokolle sind für den SonntagsBlick verfügbar.
Am 13. Mai wurde das Gesuch bei der Stadtpolizei Zürich eingereicht. Das Baubewilligungsamt erteilte seine Zustimmung („es bestehen keine Einwände gegen die geplante Veranstaltung“), und am 19 Zürich kann die Veranstaltung durchgeführt werden“.
Dann änderte sich plötzlich die Stimmung. Die Stapo schickte das Ersuchen zur Beratung an die betroffenen Stellen. Das polizeiliche Massenmanagement – das nicht für den privaten Bereich in HB zuständig ist – riet „absolut“ allen Beteiligten von der Umsetzung ab. „Was passiert, wenn ein Sturm auf die Stadt Zürich trifft?“, fragte der Manager in einer E-Mail. Offenbar befürchtete er, dass in diesem Fall die Horden aufs Festland fliehen würden.
Für echten Rave
Zudem machte sich der Verdacht breit, dass die Veranstalter unter falschem Label für einen klassischen Rettich nach dem Muster der alten „Mainstation“-Partys kämpften, der am Hauptbahnhof nicht mehr erwünscht ist.
Die Folge: Beamte drehten um. Am 1. Juni lehnte das Veranstaltungsbüro der Stapo Zürich das Gesuch ab.
Wie kam es zu diesem Sinneswandel? Eine Schlüsselrolle spielt Joel Meier (49), der vielbeschäftigte Präsident des Vereins Street Parade. In der Pause der kronesnahen Partei organisierte er Impfstellen für den Kanton Zürich.
Vor ihrer Entscheidung über die Veranstaltung im August hörten die Behörden auch auf Meier. Diesmal drängte er eifrig gegen die Pläne von HB. Und er drohte sogar, alles abzusagen, wenn die Stadt den “Parademarkt” genehmige.
Auf Nachfrage sagt Meier: „Im Rahmen der Konsultation hatten wir ein Gespräch mit mehreren Beamten. Da habe ich meine Sicherheitsbedenken vorgetragen.“ Zu groß war ihm die Gefahr, dass sich das Publikum während eines Hagelschauers in den ohnehin überfüllten Raum des Bahnhofs drängte. Schließlich garantiert er persönlich den sicheren Ablauf der Street Parade.
Angesprochen auf den Schluckauf spricht Meier von einem «Missverständnis»: Anfangs habe die SBB nicht gewusst, dass die Veranstaltung zeitgleich mit dem Techno-Event stattfinde.
So plausibel ihre Aussagen auch erscheinen mögen, wie ist es möglich, dass die Sicherheitseinschätzungen erfahrener Experten so weit auseinander gehen?
Um Meiers Gegner kreist eine Theorie: Es geht um Geld.
Die Veranstalter kontrollieren den Getränkehandel
Tatsächlich ist Meier nun mit 35 Prozent an der Firma Rock-it Event GmbH beteiligt, die laut eigener Aussage bisher den „exklusiven Betrieb aller Bars und Getränkestände“ bei der Parade bewältigt hat, nicht schlecht handeln. bei einer Veranstaltung, bei der bis zu einer Million Menschen erwartet werden. Da dem Rock-it aber Personal fehlt, nimmt der Verein Street Parade dieses Jahr teil; die veranstalter werden so gleichzeitig zu getränkeverteilern.
Wäre es nicht lästig, wenn ein Konkurrent Besucher bei der Ankunft mit Flüssigkeiten versorgt? Beteiligte berichten, Meier habe gegenüber Bahn- und Regierungsvertretern die drohenden Umsatzeinbußen erwähnt.
Meier dementiert und relativiert: „Wir verkaufen jedes zehnte Getränk an der Street Parade, die restlichen neun verkaufen Gastronomie und Einzelhandel in der Stadt.“ Auch mit der „Mainstation“-Partei hätte er sich damals gut verstanden.
Mit Officer Njet ist die Sache aber noch nicht beendet: Die Kläger wollen die Entscheidung anfechten, bestätigte Bischofbergers Anwalt gegenüber SonntagsBlick. Der Ball liegt nun beim Stadtrat.
Unterdessen warten die Menschen auf das diesjährige Motto für die Parade. Das letzte war “Colors of Unity”.