Aktualisiert am 02.08.2022 um 22:24 Uhr
- Die Menschen werden älter und die Pensionskassen überschaubarer.
- Ist Arbeiten bis 70 die einzige Möglichkeit, das Rentensystem vor dem Kollaps zu bewahren? So sieht es zumindest Arbeitgeberpräsident Stefan Wolf.
- Ökonomen unterstützen die Bewegung, Gewerkschaften gehen auf die Barrikaden. Ein Überblick.
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Es ist ein Satz, der Anfang dieser Woche für heftige Reaktionen sorgte: „Nach und nach werden wir das Rentenalter von 70 Jahren erreichen müssen – auch weil das Alter zunimmt.“ Das sagte der Präsident des Arbeitgebers, Stefan Wolf, in einem Interview mit den Zeitungen der Funke Mediengruppe und erregte prompt den Zorn von Gewerkschaften, Linken und gesellschaftlichen Organisationen. Der Fraktionsvorsitzende der Linken, Dietmar Bartsch, sprach sogar von “asozialem Bullshit”. Doch was steckt hinter der Aufregung? Hier die wichtigsten Fragen und Antworten.
Was ist die Ausgangslage?
In Deutschland wird das Renteneintrittsalter schrittweise von 65 auf 67 Jahre angehoben. Für die Jahrgänge 1964 und später wird es künftig definitiv ein Regelrentenalter von 67 Jahren geben. Derzeit ist keine weitere Erhöhung geplant. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) lehnt das Alter klar ab. „Wir haben uns in der Koalition darauf geeinigt, dass wir das gesetzliche Renteneintrittsalter nicht anheben. Daran wird sich auch nichts ändern“, sagte er erst vor wenigen Wochen. Die Diskussion um eine Rente mit 70 hält er für eine “Phantomdebatte”.
Was sagen Ökonomen?
Sie sehen das Problem anders. So nannte der Ökonom Bernd Raffelhüschen von der Universität Freiburg in einem Interview mit der “Bild”-Zeitung den Vorschlag des Gesamtmetall-Chefs “richtig und wichtig”. Arbeiten bis 70 helfe gegen Altersarmut und entlaste die Pensionskasse, die kurz vor dem Kollaps stehe, sagt Raffelhüschen. Zu diesem Schluss kommen auch andere Experten, wie „Wirtschaft“ Monika Schnitzer.
Es gibt also keine Alternative zum Arbeiten bis 70?
„Überhaupt nicht“, sagt Sebastian Klüsener, wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Bevölkerungsforschung (BIB). Grundsätzlich stellt er fest: „Länger leben bedeutet im Allgemeinen, dass wir auch länger arbeiten werden“. Allerdings lasse sich daraus kein Automatismus für den Ruhestand mit 70 Jahren ableiten, sagt Klüsener von der dpa. “Eine flächendeckende Erhöhung für ein so hohes Alter ist keine optimale Lösung.”
An anderer Stelle sieht der Experte noch Potenzial, etwa bei der Arbeitsmarktbeteiligung von Frauen, die derzeit noch oft in Teilzeit arbeiten. Generell empfiehlt er ein flexibleres System. „Generell wäre es gut, wenn der Arbeitsmarkt so gestaltet wäre, dass ältere Menschen ihre Arbeit relativ flexibel an ihre private und gesundheitliche Situation anpassen könnten.“
Auch die Wirtschaftswissenschaftlerin Veronika Grimm plädiert dafür, die individuelle Leistungsfähigkeit der Menschen im Alter zu berücksichtigen: „Idealerweise ist es möglich, den Berufsweg so zu gestalten, dass ältere Menschen bezahlbare Jobs machen“, sagt Grimm der „Rheinischen“. Post”. Bislang gingen viele in den Vorruhestand, weil sie ihren Beruf nicht mehr ausüben konnten. “Dort müssen mit Weitblick neue Wege beschritten werden”, forderte er. Stichwort Hochschulbildung. Das könne helfen, die Lücken im Fachkräftemangel zu schließen Arbeitskräfte.
Warum lehnen Gewerkschaften und Linke den Ruhestand mit 70 strikt ab?
Sie befürchten irgendeinen Betrug an den Arbeitern und weisen darauf hin, dass Menschen in manchen Berufen, etwa in schwerer körperlicher Arbeit, nicht einmal bis 65 durchhalten würden. Auch Bevölkerungsexperte Klüsener sagt: „Wir sehen derzeit, dass viele schon mit 63 Jahren wegziehen.“ Gewerkschaften und Sozialverbände argumentieren, dass die Arbeitnehmer am Ende kürzere Renten beziehen und dadurch doppelt so viel verlieren würden. Stattdessen fordern sie eine grundsätzliche Debatte über die Finanzierung der gesetzlichen Rentenversicherung, etwa über ein neues Modell, das auch Gruppen wie Selbständige und Beamte als Beitragszahler einbindet.
Bevölkerungsexperte Klüsener weist auch auf einen Gerechtigkeitsaspekt hin, der bei einer Erhöhung der Flatrate bis 70 vernachlässigt werden könnte: Die durchschnittliche Lebenserwartung der Hochqualifizierten sei deutlich höher als die der Geringsten, die in Deutschland arbeiten im Niedriglohnbereich, sagt er. der Experte Letztere könnten letztlich die Verlierer eines solch breiten Anstiegs sein.
Wie wird es in ein paar Jahren sein?
Daten des Statistischen Bundesamtes weisen auf eine höhere Erwerbstätigkeit im Alter hin. Zwischen 2010 und 2020 stieg die Erwerbsquote der 60- bis 64-Jährigen von 41 auf 61 Prozent. Das zeigt sich auch bei den Älteren: 2020 lag der Anteil der Erwerbstätigen im Alter von 65-69 Jahren bereits bei 17 Prozent, 2010 waren es noch 9 Prozent. Ob die Kurve weiter ansteigt und das Rentensystem finanziert werden kann, hängt auch von der Zuwanderung und der Digitalisierung und Mechanisierung der Arbeitswelt ab, sagt BIB-Experte Klüsener. Je nach Entwicklung kann es in den 2030er Jahren notwendig werden, das Renteneintrittsalter erneut anzupassen (dpa/fab)
Aktualisiert am 01.08.2022 um 08:55 Uhr
„Wir werden immer härter arbeiten müssen“, sagt Stefan Wolf, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall. Er fordert die Anhebung des Rentenalters auf 70 Jahre. (Bildquelle: IMAGO / Westend61)