Ressentiments gegen Ukrainer: «Wachsender Flüchtlingsneid schadet der Schweizer Gesellschaft»

Gepostet am 12. Juni 2022, 9:19 Uhr

Kostenlose öffentliche Verkehrsmittel, Solidarität, schnelle Integration in den Arbeitsmarkt: Der Umgang mit ukrainischen Flüchtlingen weckt Neid. Das sei oft unbegründet, sagt ein Sozialwissenschaftler.

1/6

Geflüchtete in der Schweiz werden zunehmend mit Neid und Ressentiments konfrontiert.

AFP

Neid entsteht durch soziale Vergleiche, sagt Katja Rost, Sozialwissenschaftlerin an der Universität Zürich.

UZH / John Flury

„Wenn du es schlimmer machst als alle anderen, wirst du frustriert, verärgert und eifersüchtig. Das ist aber oft unbegründet, weil die Betroffenen nur ein eingeschränktes Bild von der Situation haben und sich weigern, die ganze Wahrheit zu sagen“, sagt Rost.

AFP

Ukrainische Flüchtlinge erleben in der Schweiz viel Solidarität. Lange Zeit konnten sie die öffentlichen Verkehrsmittel kostenlos nutzen und mit dem Schutzstatus S ist eine schnelle Integration in den Arbeitsmarkt vorgesehen. Das ist nicht für alle gut: Manche entwickeln Ressentiments gegenüber Kriegsflüchtlingen. In den sozialen Medien häufen sich Beiträge, in denen beklagt wird, dass Menschen gerne eine GA-Karte bezahlen möchten oder dass sie trotz aller Bemühungen seit Jahren arbeitslos sind.

In einem 20-minütigen Tiktok über Anya, die 20 Minuten nach ihrer Flucht aus Kiew eine Praxis gefunden hat, sind viele Nutzer auf die Kommentare neidisch. Ein Kollege schreibt: „Kollege, ich war ein halbes Jahr im RAV eingeschrieben und habe kein Vorstellungsgespräch bekommen. Und dann ist plötzlich Krieg und Zack hat eine Übung.”

Woher kommt der Neid der Ukrainer?

Neid ist laut der Soziologin Katja Rost immer eine Folge sozialer Vergleiche. „Wenn du es schlimmer machst als alle anderen, wirst du frustriert, verärgert und eifersüchtig. Das ist aber oft unbegründet, weil Betroffene nur ein eingeschränktes Bild von der Situation haben und sich weigern, die ganze Wahrheit zu sagen“, sagt Rost Sie seien für den Posten besser geeignet als Schweizer: “Betroffene suchen oft nach Schuldigen für ihr Versagen, in diesem Fall nach Flüchtlingen.”

Auch Vorurteile und eine generell ablehnende Haltung gegenüber Flüchtlingen gebe es laut Rost. “Das Narrativ, dass Flüchtlinge Einheimische beschäftigen, ist in bestimmten Teilen der Gesellschaft weit verbreitet. Die große Solidarität und Unterstützung für die Ukrainer verstärkt dies zusätzlich. Daher fühlen sich viele Einwohner ungleich behandelt.”

Wie wirkt sich Neid auf die Gesellschaft aus?

„Leider ist es normal, dass eine Gesellschaft von Neid geprägt ist“, sagt Rost. Das hinterlässt zum Beispiel Spuren in aggressivem Verhalten. „Letztendlich kann man es nicht jedem recht machen. Deshalb sollten Neidbetroffene versuchen, sich sozial in einem anderen Bereich zu vergleichen, wo sie besser abschneiden.“ Gerade bei existenziellen Themen wie der Arbeit sei das aber schwierig: „Nur selten hat Neid auch einen positiven Effekt, etwa eine größere Motivation, etwas Konkretes zu erreichen“, sagt die Soziologin.

Laut der Bundesstelle für Rassismusbekämpfung gehören Diskriminierung und Rassismus zum Alltag von Geflüchteten. „Der S-Status gibt vielen das Gefühl, dass ukrainische Flüchtlinge bevorzugt behandelt werden, zum Beispiel beim Zugang zur Beschäftigung“, sagt Marianne Helfer. „Wenn Menschen Privilegien wie den einfachen Zugang zum Arbeitsmarkt bedroht sehen, kann es zu Konflikten oder rassistischen Äußerungen kommen.“ Wie stark ukrainische Flüchtlinge von Diskriminierung betroffen sind, kann der Leiter des Büros zur Rassismusbekämpfung nicht in Zahlen ausdrücken. Aber es gibt viele positive Anzeichen. “Fakt ist, dass die Solidarität immer noch sehr hoch ist.”

„Die Angst vor Arbeitsplatzverlust konsolidiert“

Der Flüchtlingshilfe und der Stiftung gegen Rassismus (GRA) sind keine Fälle von Diskriminierung ukrainischer Flüchtlinge bekannt. Allerdings ist es leider ein bekanntes Phänomen, dass ein kleiner Teil der Bevölkerung denkt, dass es Flüchtlingen besser geht, sagt Pascal Pernet, Präsident der GRA. „Hinzu kommt die derzeitige wirtschaftliche Unsicherheit. Das verstärkt die Vorstellung, dass Flüchtlinge den Einheimischen Jobs wegnehmen.“ Ein Blick auf die Arbeitslosenquote zeigt jedoch, dass dieses Argument haltlos ist: „Letztendlich ist es einfacher, eine Minderheit zum Sündenbock zu machen.“ Das hat die Geschichte gezeigt erneut “.

Sind Sie oder jemand, den Sie kennen, besorgt über den Krieg in der Ukraine?

Hier finden Sie Hilfe für sich und andere:

Anmeldung und Informationen für Gastfamilien:

Leave a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *