Inhalt
Autor: Eine Analyse von Charles Liebherr
Europa fürchtet zu Recht einen Boykott russischen Gases. Expertenschätzungen zufolge könnte die EU einen Winter überstehen, der hoffentlich ein halbes Jahr lang nicht zu kalt und lang wird.
Da nur etwa 70 Prozent des Bedarfs aus alternativen Quellen gedeckt werden konnten, mussten schmerzhafte Entscheidungen getroffen werden. Die Denkfabrik Bruegel schätzt, dass der Gasbedarf von Industrie und Haushalten nur gedeckt werden kann, wenn wir gleichzeitig 15 Prozent weniger Gas verbrennen. Ohne Einsparungen stehen die Geschäfte im Januar oder Februar 2023 leer.
Diese sind immer durchschnittlich und verdecken eine beunruhigende Realität. Tatsächlich steht jedes der 27 EU-Länder vor einem anderen Dilemma.
Aufrufe zur Solidarität dürften verschwinden
In Bulgarien, Ungarn, Serbien, Kroatien und Griechenland sind die Gasspeicher bereits im Oktober wieder leer. In Polen zu Weihnachten, in Deutschland im Januar und in Italien im Februar. In Spanien, Frankreich und Portugal hingegen gibt es keine Anzeichen von Knappheit. Reservierungen sollten bis Mai 2023 dauern.
Dies zeigt das politische Dilemma der EU. Ohne aktive Solidarität aller europäischen Länder wird es nicht möglich sein, den ganzen Winter über Suppe auf dem Gasherd zu kochen oder mit heißem Wasser zu duschen, das vom Gasdurchlauferhitzer temperiert wird.
Es ist nur aus technischer Sicht eine Herausforderung. Denn das Gasnetz muss stellenweise angepasst werden, um eine geografische Verteilung zu gewährleisten, die in der Vergangenheit nicht geplant war. Wirtschaftlich dürfte Europa laut IWF ohnehin schrumpfen.
Der europäische Durchschnitt von -1,4 Prozent weniger Wachstum verdeckt jedoch die Realitäten der europäischen Länder. Ungarns Wirtschaftsleistung sinkt im besten Fall nur um -3,4 %, im schlimmsten Fall um -6,5 %. Ähnlich düster ist die Lage in der Slowakei und Tschechien. Die italienische Wirtschaft ist weit davon entfernt, die Pandemie zu verdauen. Nun droht der nächste deutliche Rückgang zwischen -2,1 % und -5,7 %. Auch die wirtschaftsstarken Länder Deutschland und Österreich verlieren deutlich an Wirtschaftskraft. Allen EU-Staaten droht eine Rezession.
Es bedarf besonderer Koordinierungsarbeit
Europa steht also vor einer entscheidenden Prüfung. Das klingt dramatisch und ist es auch. Soziale Unruhen stehen vor der Haustür. Die Erfahrungen der Covid-Pandemie-Ära sind nicht vergessen. Trotz gemeinsamer Anstrengungen zur koordinierten Beschaffung von Impfstoffen dominierte nach wie vor der Egoismus einzelner Staaten. Warum sollte es diesmal anders sein?
In 27 aufeinander abgestimmten Nuancen ist großes politisches Geschick gefragt. Nationale Regierungen müssen ihren Steuerzahlern erklären, dass sie aus Solidarität mit rechtspopulistischen Regierungen, die die Rechtsstaatlichkeit in der EU verspotteten und offen antisemitische Stimmungen verbreiteten (Ungarn), akzeptabel sind als die Automobil- oder Petrochemie Industrie selbst. Land sollte Frauen entlassen, die Mitbürger entlassen müssen (Deutschland, Frankreich oder Belgien). Gleichzeitig explodieren europaweit die Preise für Brot und heißes Wasser.
Dies ist kein Sommermärchen. Der kommende Winter in Europa wird brutal hart. Und die Aussichten für den nächsten Winter sind nicht besser. Willkommen in einer anderen Zeit. „Es ist besser, jetzt zu handeln, als morgen laut zu streiten“, warnt der Präsident der Europäischen Kommission. Das ist richtig.
Karl Liebherr
EU-Korrespondent, SRF
Öffnen Sie das Personenfeld. Schließen Sie das Personenfeld
Charles Liebherr ist Korrespondent von SRF Radio in der EU. Liebherr studierte deutsche Geschichte, Literatur- und Sprachwissenschaft sowie Politikwissenschaften in Basel und Lausanne. Davor arbeitete er als Werberedakteur beim Schweizer Radio, später als Korrespondent in Frankreich.