Salzburger Festspiele: Jungfrau und Heilige als Antiheldin

25. Juli 2022

Cannes-Preisträgerin Irène Jacob glänzte als Jeanne © APA/AFP/JEFF PACHOUD

Die Apotheose eines Abtrünnigen. Das Abschlachten eines politischen Sündenbocks. Die letzten Akkorde eines verzweifelten Traums, erstickt in den Flammen des Scheiterhaufens: Arthur Honeggers Oratorium „Jeanne d’Arc au bûcher“ stand am Sonntag auf dem Programm der Salzburger Festspiele. Bei aller Musikkunst – vom Publikum mit tosendem Applaus bedacht – bleibt die Frage: Brauchen wir heute eine religiös-fundamentalistische Kriegsheldin wie Jeanne d’Arc?

Passender hätte die Kulisse für Jeannes absurden Prozess kaum gewählt werden können. Die spitzen Bögen ragten wie Schatten aus dem blanken Fels der Backstage-Wand und verliehen der zwischen Zynismus und Slapstick oszillierenden Show, monumental untermalt vom SWR-Symphonieorchester, eine erschreckende Qualität. Der Gesang der beiden Chöre, mal fieberhaft erregt und scharf zitternd, mal bedrohlich flüsternd, erhob sich zu den Steinkisten des nackten Felsens. Um Jeanne herum, barfuß in einem schlichten Leinenkleid, emotional bewegend gespielt von Irène Jacob, 1991 Beste Hauptdarstellerin in Cannes.

Unter der souveränen musikalischen Leitung von Maxime Pascal flatterten die sonoren Stimmen des Kinderchors des Theaters und ihres stilistisch vielseitigen Pendants zum Bayerischen Rundfunk wie ein bunter Vogelschwarm durch den Steinsaal. Mal in disziplinierter Formation wie eine gewaltige Stimm-Phalanx, mal in einem verschwommenen Durcheinander atemloser Empörung. Und immer wieder sanken die wachsenden Wortfetzen auf die Bühne zurück, erkaltet wie die Federn von Jeannes Wahnvorstellungen. Die Stifte, mit denen ketzerische Gelehrte ein verlogenes Todesurteil in das Buch Frère Dominique (Jérôme Kircher) kritzelten, werden der bestürzten Jeanne in den Eröffnungsszenen vorgelesen.

Honeggers historisches Vorbild scheiterte nach den glorreichen Siegen gegen den englischen Feind im 15. Jahrhundert am profanen Größenwahn, der von spiritueller Extravaganz geschürt wurde. Auch nach ihrem Tod auf dem Scheiterhaufen blieb Jeanne d’Arc eine hochpolitische Figur. Im Mittelalter postum von der Kirche begnadigt, wurde sie erst nach dem Ersten Weltkrieg in Zeiten des wachsenden Nationalismus heiliggesprochen. Während der Besetzung Frankreichs durch die Nazis, wiedergegeben im düsteren Prolog von Paul Claudels Libretto, avancierte die siegreiche Jungfrau schließlich zum mystischen Nationalsymbol.

So facettenreich und kontrovers wie die Titelfigur, spannt Honeggers musikalisches Repertoire ein unkonventionelles Spektrum, das von Volksliedern über Elemente geistlicher Vokalmusik und erratischem Jazz bis hin zu militärisch anmutenden Marschfragmenten reicht. Ein anspruchsvolles Medley, das die Protagonisten mit ihrer großartigen Mimik und Stimme um Elena Tsallagova (Virge Maria), Mélissa Petit (Marguerite), Martina Belli (Catherine) und Marc Mauillon (Le Clerc) auf die Bühne brachten. Damien Bigourdan als prätentiöser Magistrat Porcus (Schwein) und Emilien Diard-Detoeuf als klagender Esel brachten Humor und elegantes Leben in den grotesken Wahnsinnigen des Hofes, der mit allegorischen Tierfiguren geschmückt ist.

Ikonischer Stoff kann undankbar sein. Und Jeanne d’Arc ist als kanonische Hagiographie immer ikonisch. Honegger ließ sich jedoch nicht einschüchtern oder in den Bildersturm verleiten. Diese Jeanne unterscheidet sich von ihrem historischen Kampfmodell, das manchmal auf sexistische Weise angeeignet wurde. Paul Claudel hat sie neu interpretiert und ihre Emanzipation behutsam in den Vordergrund gestellt. Es ist das Psychogramm einer jungen Frau, die sich gegen den eingebetteten Konservatismus auflehnt und ihren Idealen treu bleibt. Szenisch aufgewertet durch den Trick des Salzburger Regisseurs, Jeanne im signifikanten Trimazô mit ihrem Kinderbild zu konfrontieren. Begleitet und ermutigt vom programmatischen Aufruf „Geh deinen Weg“, der zum wiederkehrenden Leitmotiv wurde, ist diese Jeanne keine Kriegsheldin, sondern eine Anti-Heldin, vielleicht sogar eine Anti-Kriegs-Heldin. Und diese Gegenwart braucht sie dringender denn je.

(SERVICE – „Jeanne d’Arc au bûcher“ von Arthur Honegger im Rahmen der Geistlichen Ouvertüre bei den Salzburger Festspielen. Libretto von Paul Claudel. SWR Sinfonieorchester, Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor, Chor des Bayerischen Rundfunks. Dirigent: Maxime Pascal, Chorstudium: Howard Arman und Wolfgang Götz Mit Jeanne d’Arc – Irène Jacob, Frère Dominique – Jérôme Kircher, La Vierge – Elena Tsallagova, Marguerite – Mélissa Petit, Catherine – Martina Belli, Porcus – Damien Bigourdan, Le Clerc – Marc Mauillon, Une Voix /Héraut/Un Paysan – Damien Pass, L’âne – Emilien Diard-Detoeuf).

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