Aktualisiert am 27.05.2022 um 16:48 Uhr
- Aufgrund des Krieges in der Ukraine haben die EU und die USA zahlreiche Sanktionen gegen Russland verhängt, eine Maßnahme, die nicht unumstritten ist.
- In Städten wie Moskau sind viele Geschäfte geschlossen und die Menschen reisen ins benachbarte Kasachstan, um bestimmte Markenprodukte zu kaufen.
- Präsident Wladimir Putin hat den “Wirtschaftskrieg” kritisiert, der weltweit “wirtschaftliche Erschütterungen” und “Chaos” verursacht.
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Russlands Staatsmedien berichteten bösartig über steigende Spritpreise in Deutschland und steigende Verbraucherkosten in der EU. Sie sind froh, dass im Westen alles teuer ist. Es ist der Sound der Kreml-Propaganda, dass die EU und die USA fünf Sanktionspakete geschnürt haben, um Russland wegen Moskaus Aggression gegen die Ukraine in die Knie zu zwingen. Aber am Ende schadet der Westen selbst massiv seiner Wirtschaft und seinen Bürgern. Vor allem aber sei das Ziel, Russland in der Ukraine aufzuhalten, längst verloren, sagen Moskau-Zufriedene.
Mittlerweile gibt es etwa 10.000 Sanktionen. Russland sei das am stärksten sanktionierte Land der Welt, sagt er in fast triumphierendem Ton. Dass in der Hauptstadt Moskau massenhaft internationale Geschäfte und Ketten schließen, dass Großkonzerne wie Siemens an der Zarenzeit und der Sowjetdiktatur beteiligt waren und nun nach 170 Jahren gefeuert werden, wird von Politikern und vielen Russen einfach mit erkannt demonstrative Gelassenheit.
Viele Geschäfte in Moskau sind geschlossen
Mütter freuen sich über die Schließung der US-Fastfood-Kette McDonald’s, weil sie erwarten, dass sich ihre Kinder jetzt gesünder ernähren. Eine junge Familie in einem neuen Restaurant am Moskauer Ukrainsky-Boulevard erklärt lachend, ihr Glück liege vor allem darin, in ihrem Landhaus Gurken, Tomaten, Kartoffeln und eingelegte Pilze anzubauen. Die Tradition der Konservenselbstversorgung ist nie erloschen. „Was brauchen wir noch zum Leben? In der Hölle mit Sanktionen“, sagt Pater Denis. Benzin für die Fahrt zur Hütte ist so günstig wie lange nicht mehr.
Doch wer gerne shoppen geht, hat es schwerer. In den Einkaufspassagen der schillernden Weltstadt Moskau ist das Bild aufgrund der vielen geschlossenen Geschäfte mitunter düster. Kremlchef Wladimir Putin versuchte am Donnerstag erneut nur, den möglichen Schmerz für das entgangene Vergnügen des Verbrauchers zu beseitigen. „Manchmal schaut man auf die Abgänger und denkt vielleicht, Gott sei Dank. Wir können jetzt ihre Nische füllen“, sagte er beim Eurasischen Wirtschaftsforum vor den Staats- und Regierungschefs mehrerer ehemaliger Sowjetrepubliken. Der Anreiz für Russland ist, dass die eigene Produktion bereits gestiegen ist.
Wer bestimmte Produkte will, geht nach Kasachstan
Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin hat gerade am Ausgang von Renault aus der Hauptstadt angehalten und angekündigt, dass die nach der Sowjetzeit-Metropole benannte Kultmarke Moskwitsch in der Autofabrik wiederbelebt wird. Viele Unternehmen sind gezwungen, Investitionen in Milliardenhöhe zu stornieren, weil Geschäfte in Russland kaum möglich sind. Vor allem Sanktionen gegen den Bankensektor behindern Finanztransaktionen. Die Logistik liegt lahm, Lieferketten sind zerstört.
Russlands Machtapparat spielt die Folgen von Strafmaßnahmen jedoch herunter. „Wer Luxusgüter kaufen will, hat sie vielleicht noch, aber es wird etwas teurer“, sagte Putin dem Wirtschaftsforum. Der Flugverkehr in westliche Länder wurde unterbrochen. Wer sich aber ein iPhone oder einen Mercedes kaufen möchte, reist ins Nachbarland Russlands, nach Kasachstan.
Putin: “Wirtschaftskrieg” gegen Russland
Die ehemalige Sowjetrepublik Zentralasien entwickelt sich zu einem neuen Brennpunkt und ist ein Schwergewicht in der von Putin geförderten Eurasischen Wirtschaftsunion. Firmen verlagern ihr Geschäft dorthin. Kasachstan sagt, es wolle sich EU- und US-Sanktionen nicht entziehen. Doch der Westen ist besorgt über eine mögliche Umgehung von Sanktionen. Die Moskauer Boulevardzeitung Moskovsky Komsomolets beispielsweise berichtet über den Aufstieg des Geschäfts in Kasachstan auf dem Automarkt und gibt Tipps, wie Käufer in Zeiten des Mangels an einen Mercedes oder einen Porsche kommen können: „Es gibt immer einen Weg“.
Kritische Stimmen wie die des ehemaligen Finanzministers Alexej Kudrin, der heute den Rechnungshof leitet, sind selten. Die Regierung will nicht verhindern, dass die Wirtschaft in diesem Jahr um acht bis zehn Prozent schrumpft. „Ich sehe heute keine Maßnahmen dagegen“, sagte er am Mittwoch im Parlament. Der Umbau der russischen Wirtschaft wird zwei Jahre dauern, bis es Wachstum gibt.
Putin lässt diese Sorgen oder warnenden Worte lächeln. Auch den “Wirtschaftskrieg” im Westen sieht er als Chance, am Ende als Sieger hervorzugehen. Sanktionen sollten Russland stärken, nicht schwächen. Die westliche Politik verursache „wirtschaftliche Schocks“ und „Chaos“ auf der ganzen Welt, sagte der Präsident.
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Angesichts der Gefahr für die Ernährungssicherheit in der Welt fordert Putin zudem die Aufhebung der Sanktionen, damit Russland Düngemittel und Getreide exportieren kann. Im Gegenzug soll die Ukraine, ebenfalls ein großer Exporteur, ihren Weizen auf dem Weltmarkt verkaufen können. Bisher blockiert die russische Marine die Häfen des Landes, weshalb das Getreide nicht verhungert. Die Ukraine wirft Putin Erpressung vor.
Putin betonte, es sei nicht möglich, Länder mit Verboten und Sanktionen einzudämmen oder zu schwächen, nur weil sie eine eigenständige Politik verfolgten. „Kein Gendarm der Welt kann diesen natürlichen Prozess aufhalten, keine Gewalt reicht aus“, sagte er mit Blick auf die USA, denen seit langem vorgeworfen wird, die Ressourcen-Supermacht Europa destabilisieren zu wollen. “Weil sie Probleme in ihren Ländern haben, hoffe ich, dass sie verstehen, dass diese Politik keine Perspektive hat.” (Ulf Mauder, dpa/okb)