Das Wohnhochhaus Beirut Terraces sorgte auf Twitter für Empörung.
Bild: Herzog & de Meuron
Die Architekten Herzog und de Meuron sind in den sozialen Medien unter Beschuss geraten, weil sie Luxusapartments in Beirut mit fensterlosen „Sklavenzimmern“ für Bedienstete ausgestattet haben.
Bis zu 1.000 Quadratmeter Wohnfläche stehen Mietern im Luxus-Wolkenkratzer „Beirut Terraces“ pro Wohnung in der libanesischen Hauptstadt zur Verfügung. Für ihre Hausangestellten werden pro Zimmer nur 3,9 Quadratmeter abgebaut, ohne Fenster zwischen Küche und Waschküche versteckt und vom Rest der Wohnung abgeschirmt.
Das Gebäude 2017 wurde in der Vergangenheit für mehrere Architekturpreise nominiert. Erbaut wurde es von den Basler Stararchitekten Herzog & de Meuron.
Der Luxusturm Beirut Terraces verfügt über 130 Apartments mit bis zu 1.000 Quadratmetern Wohnfläche. Die Bediensteten müssen mit knapp vier Quadratmetern auskommen.
Foto: beirutterraces.com
Nun postete ein ehemaliger Mitarbeiter von Herzog & de Meuron die Baupläne des Projekts auf Twitter und löste damit einen Shitstorm aus. Sie war nicht direkt in das Projekt involviert und hatte zum Zeitpunkt ihrer Anstellung keine Kenntnis von den Plänen. Doch das Projekt ärgert ihn im Nachhinein.
„Ich finde diese Anlage unerträglich. Das sind unmenschliche Zellen. Niemand sollte so leben.
Schweizer Stararchitekten bauen in Beirut Luxushochhäuser, in denen das fensterlose Personalzimmer (!) mit 3,9 m2 etwas größer und die Gästetoilette kleiner ist als der Flur oder jedes andere Badezimmer in der Wohnung. Alternativ 2 Betten in einem etwas größeren Zimmer. pic.twitter.com/w6NkTNaoQK
– VAVAV (@vV_v_VvV_v_Vv) 23. Juli 2022
Gemäss Bauordnung beträgt die Mindestgrösse eines Raumes in der Schweiz mindestens acht Quadratmeter. In Deutschland sind es neun. Auf Twitter lösten die veröffentlichten Pläne eine Welle der Empörung aus. Dem Architekturbüro wird vorgeworfen, mit dem Bau das berühmte Kafala-System unterstützt zu haben.
Dienstmädchen haben ein sklavenähnliches Arbeitsverhältnis
Der Begriff bezieht sich auf ein Patenschaftssystem: Der Pate – in der Regel der Arbeitgeber – ist verpflichtet, das Einreiseverfahren und die staatliche Registrierung zu organisieren. In der Praxis wird der Reisepass des ausländischen Arbeitnehmers häufig eingezogen und erst nach Vertragsende zurückgegeben.
Nach einer Schätzung von Amnesty International lebten im Jahr 2019 mehr als 250.000 Menschen mit afrikanischem und asiatischem Migrationshintergrund als sogenannte „Mendas“ in Privathaushalten im Libanon. Durch das Kafala-System sind diese Hausangestellten in einer missbräuchlichen, sklavenähnlichen Beziehung ohne jeglichen Arbeitsschutz gefangen, so der Bericht von Amnesty: „Ihr Zuhause ist mein Gefängnis.“
Die Betroffenen stehen ihrem Arbeitgeber in der Regel 24 Stunden am Tag zur Verfügung und können ohne deren Zustimmung weder den Job wechseln noch kündigen.
„Man muss nicht alles bauen“
„Man muss nicht alles bauen und jeden Auftrag annehmen, auch wenn es jemand anderes tut“, schreibt der Architekt, der die Pläne auf Twitter gepostet hat. Kommentatoren stimmen ihr zu. „Wer, wenn nicht Sie (Anm. d. Red.: Herzog & de Meuron), könnte fordern und ändern? Ich verstehe das nicht“, schreibt ein User.
Ein anderer: “Als Enkelin einer solchen ‘Jungfrau’ mit einem mehr als hässlichen familiären Hintergrund geht es mir fast auf die Nerven.”
@HerzogdeMeuron Du hättest die Macht haben sollen, etwas gegen diese unmenschlichen Zustände zu tun und dein Rückgrat zeigen. Libanesen mögen Prestige und *Marken*, also kannst du es in deiner Situation für etwas Gutes verwenden und es ablehnen. https://t.co/PD8xLA8GA1
– Ester Argenton (@Argi73) 27. Juli 2022
Auf Nachfrage von Blue News hielten sich Herzog & de Meuron bedeckt: „Für das Projekt Beirut Terraces haben wir verschiedene Konzepte geplant und dem Kunden empfohlen. Was hier aber gemacht wurde, war der ausdrückliche Wunsch des Auftraggebers und wurde auf Bestellung ausgeführt“, beschränken sie sich darauf.