Stand: 04.07.2022 14:15
Nach dem Gletscherbruch in den Dolomiten mit sieben Toten geht die Suche nach Vermissten weiter. Offenbar wurden zwei Deutsche verwundet und gerettet. Rettungsaufgaben sind schwierig: Neue Sprengungen stehen bevor.
Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom
Rettungsschwimmer befürchten, dass die Zahl der Todesopfer weiter steigen wird. Immer mehr Menschen prangern das Verschwinden von Verwandten und Bekannten an, die gestern zu einem Ausflug in die Berge zur Marmolada dels Dolomites aufgebrochen sind. Laut der Nachrichtenagentur Ansa geht die Bergrettung Trient nun davon aus, dass noch mindestens 17 Personen gesucht werden.
BR Logo Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom
Laut Polizei ist die Zahl der Todesopfer bereits auf sieben gestiegen. Vier von ihnen wurden identifiziert, laut Medien soll es sich um drei Italiener und einen Tschechen handeln. Acht Bergsteiger wurden verletzt, darunter zwei Deutsche. In der Nacht wurden die Rettungsarbeiten aus Sicherheitsgründen unterbrochen.
Sieben Tote durch Gletschereinbruch in den Dolomiten
Rüdiger Kronthaler, ARD Rom, Tagesschau um 16 Uhr, 4. Juli 2022
Drohnenflüge zur Absturzstelle
Am Morgen unternahmen Feuerwehrleute Drohnenflüge zur Absturzstelle, um nach den Vermissten zu suchen, aber auch um zu prüfen, ob Rettungsschwimmer den Berg betreten könnten. Rettungsarbeiten, sagt Mario Brunello von der Bergrettung Trento, seien eine Herausforderung.
Auf Basis einer Risikoanalyse entscheiden wir über das weitere Vorgehen. Mithilfe von Drohnen werden wir auch sehen können, ob wir irgendwo menschliche Leichen oder Überlebende entdecken. Auf jeden Fall ist es extrem gefährlich, in die Lawinenmasse zu geraten. Gestern Abend gab es weitere Unfälle.
Massiver Eisfall 200 Meter breit
Die Lawine wurde gestern Nachmittag durch einen großen Eistropfen in der Punta Rocco, dem höchsten Gipfel der Marmolada, ausgelöst. Dann stürzte eine 200 Meter breite Eismasse mit einer Geschwindigkeit von etwa 300 Kilometern pro Stunde ins Tal – ebenfalls auf dem Weg, den Bergsteiger normalerweise nehmen, um die Marmolada zu besteigen. Italienische Medien sprechen von der schlimmsten Katastrophe dieser Art in den Alpen.
Mario Brunello von der Bergrettung Trento sagt: „So ein Abriss ist absolut außergewöhnlich. Natürlich gab es hier im Winter und Sommer immer wieder Lawinen. Aber so etwas ist noch nie passiert entweder. Das Eis hat sich wirklich verändert. nach dem Felsen im Hintergrund. “
Wissenschaftler: Hohe Temperaturen sind schuld am Unglück
Daniele Cat Berro von der Italienischen Meteorologischen Gesellschaft macht das Brechen des Eises für die hohen Temperaturen verantwortlich. Gestern war es auf dem Gipfel der La Marmolada zehn Grad heiß, eine Temperatur, die zuvor höchstens im August erreicht wurde. Dadurch habe sich zwischen den Eismassen und dem Gestein Wasser gebildet, so der Wissenschaftler, und dann sei das Eis in einer Lawine ins Tal gestürzt.
Messner: Abstürzende Gletscher als Folge des Klimawandels
Der bekannte Bergsteiger Reinhold Messner sagt, der Gletscherbruch an der Marmolada sei eine Folge des Klimawandels und der globalen Erwärmung. Diese würden laut Messner die Gletscher „fressen“. Die Veränderungen in den Gletschern der Alpen in den letzten Jahren waren dramatisch, stimmt Bergführer Cesare Pastore zu. Aber Pastore will seinen Kollegen, die gestern die Bergsteiger zur Marmolada geführt haben, keinen Vorwurf machen:
Der Zustand der Gletscher war ziemlich prekär, auch weil es im Winter wenig Schnee gab. Dann diese Temperaturen, die Unfälle wahrscheinlich machen. Es war aber nicht klar, dass es an dieser Stelle zu einer Unterbrechung kommen könnte. Das war sehr, sehr schwer vorherzusagen.
Draghi wartete am Unfallort
Aufgrund der Schwere der Katastrophe wird auch der italienische Ministerpräsident Mario Draghi zur Absturzstelle reisen, um sich ein Bild von den Rettungsmaßnahmen vor Ort zu machen. Rettungsdienste haben im Dorf Canazei am Fuße der Marmolada ein Lagezentrum eingerichtet.
Eislawine in den Dolomiten: Weitere gefürchtete Opfer: die größte Katastrophe ihrer Art
Jörg Seisselberg, ARD Rom, 4. Juli 2022 11:54 Uhr