Ist das Liebesleben immer privat oder kann es sogar politisch sein? Inwieweit sollten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens offen über ihr Datingverhalten sein?
Diese Debatte heizt sich nach einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom vergangenen Mittwoch an. Das Gericht hatte entschieden, dass ein Soldat, der im Internet nach schnellem Sex sucht, zu Recht ein Disziplinarverfahren riskiert, weil es den Eindruck erwecken könnte, es fehle ihm an “charakterlicher Integrität”.
„Spontan, Fun, Trans* – alle Genres sind willkommen“
Story: Transsoldatin Anastasia Biefang (47) zeigte sich 2019 offen für Partnerwechsel in der Dating-App Tinder, schrieb auf ihrem Profil „Spontan, lustvoll, trans* – alle Genres sind willkommen“ und gab an, ein offenes Beziehungsleben zu führen. Dafür erhielt der Bataillonskommandeur eine Abmahnung vom Wehrdienstgericht der Bundeswehr, gegen die er klagte, und verlor vor dem Bundesverwaltungsgericht.
Im Internet musste der Bataillonskommandeur laut Urteil besonders vorsichtig sein, immerhin befehligte er 1000 Mann der Truppe. Es bedeutet: „Formulierungen zu vermeiden, die den falschen Eindruck eines willkürlichen Sexuallebens und eines erheblichen Mangels an charakterlicher Integrität erwecken“ (Akt. BVerwG 2 WRB 2.21).
Ein Urteil, das die Gemüter erwärmte und einen politischen Streit provozierte wie nie zuvor …
Queer Officer: Ich bin auch in einer offenen Beziehung
▶︎ Queer-Beauftragter der Bundesregierung Sven Lehmann (42, Grüne) meldete sich auf Twitter mit einer Art „Exit“ zu Wort: „Ich bin schwul, habe eine offene Beziehung und ein Profil bei Dating-Apps. Wenn ich bei der Bundeswehr wäre, meine.“ Integrität des Charakters „würde abgestritten. Aber ich bin Außenministerin. In einer Bundesregierung, die sich darum kümmert, wie man arbeitet, nicht wie es einem geht.“
Hier finden Sie Twitter-Inhalte
Um mit Twitter und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder Inhalte anzuzeigen, benötigen wir Ihre Zustimmung.
soziale Medien aktivieren
Sein Argument: Was er als parlamentarischer Staatssekretär ohne berufliche Konsequenzen frei äußern und kommunizieren könne, würde eine Frau zu einem Disziplinarverfahren in der Bundeswehr führen.
Lehmann kündigte zudem an: „Ich werde das Gespräch mit Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht und Verteidigungskommissarin Eva Högl suchen, um zu erörtern, wie Disziplinarverfahren wie gegen Anastasia Biefang künftig verhindert werden können.“
Aber nicht alle waren mit ihrer eigenen Offenheit in Bezug auf ihr Dating-Verhalten zufrieden.
► Die CDU-Bundestagsabgeordnete Katja Leikert (47) schrieb an Lehmann: „Wirklich? Zu viele Informationen, mein Herr. Ich möchte wirklich wissen, warum?“
Hier finden Sie Twitter-Inhalte
Um mit Twitter und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder Inhalte anzuzeigen, benötigen wir Ihre Zustimmung.
soziale Medien aktivieren
► Auch CDU-Schatzmeisterin und frühere Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (49) reagierte auf Lehmanns Veröffentlichung und erklärte, ihr Leben als Paar sei Privatsache. Ich sollte es nicht politisieren.
Sie schrieb: „Ich bin nicht schwul, ich habe keine offene Beziehung und ich habe kein Profil in Dating-Bewerbungen. Ich leite daraus keinen politischen Anspruch ab“, schrieb sie. „Jeder, der in einer offenen Beziehung mit einem Dating-Profil schwul lebt: seine Entscheidung, anders, nicht besser. Aber: Das ist Privatsache, keine Berufsbezeichnung für einen parlamentarischen Staatssekretär.“
Hier finden Sie Twitter-Inhalte
Um mit Twitter und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder Inhalte anzuzeigen, benötigen wir Ihre Zustimmung.
soziale Medien aktivieren
SPD-Landespolitiker Marc Dietzschkau aus Sachsen veröffentlichte daraufhin ein Foto eines Presseberichts zur Hochzeit von Julia Klöckner im Jahr 2019, ein Hinweis darauf, dass die CDU-Politik ihr Leben auch öffentlich kommunizierte. Er fragte: „Ist der Stand der Beziehung oder die Beziehung eine ‚Privatsache‘ oder nicht?
Klöckners Antwort: “In der Debatte geht es nicht um den Status der Beziehung, sondern um die Lebensweise selbst, mit der (…) politische Forderungen begründet werden.”
Unbedingt weiter machen…