SNB erhöht Leitzins um 0,50 Prozentpunkte

16.06.2022, 09:3216.06.2022, 11:20

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) erwartet eine grosse Überraschung: Entgegen aller Erwartungen erhöht sie den Leitzins um ein halbes Prozent. Damit sagt er der steigenden Inflation den Kampf an.

Die Zentralbank (hier Präsident Thomas Jordan) hebt den Leitzins um einen halben Prozentpunkt an. Bild: Schlüssel Schlüssel

Die Notenbank hebt den sogenannten Leitzins der SNB um 0,50 Prozentpunkte auf -0,25 Prozent an. Es bleibt immer noch im negativen Bereich. Aber auch das könnte bald Geschichte sein.

SNB stürzt Schweizer Börse ab: Franken steigt

Mit einer unerwarteten Zinserhöhung hat die Schweizerische Nationalbank (SNB) am Donnerstag die Marktteilnehmer an der Schweizer Börse auf dem falschen Fuß erwischt. Der Leitindex SMI reagierte mit einem deutlichen Rückgang, während der Franken deutlich zulegte.

Die SNB erhöhte nicht nur unerwartet die Zinsen, sondern tat viel mehr als erwartet, sagte ein Händler. Damit verliert auch der SMI stark an Boden. Um 9.45 Uhr fiel das wichtigste Kursbarometer um 2,34 Prozent auf 10.530,28 Punkte, das bisherige Tagestief von 10.478 Punkten. Das ist der niedrigste Wert seit Dezember 2020.

Besonders unter Druck standen Aktien von Partners Group (-4,2%) und Wachstumsaktien von Straumann (-4,8%), Sonova (-4,1%) und Lonza (-3,5%). Mit Abschlägen von ein bis zwei Prozent schneiden die defensiveren Nestlé, Kühne + Nagel, Swisscom, Novartis und Roche besser ab.

Der Euro fiel gegenüber dem Franken auf 1,0206 Franken und fiel kurzzeitig unter 1,02 Franken. Auch ein Dollar wurde mit 0,9826 Franken deutlich niedriger gehandelt. (awp / sda)

Weil nicht ausgeschlossen werden kann, dass in absehbarer Zeit weitere Zinserhöhungen nötig sein werden, betonte die SNB am Donnerstag in ihrer geldpolitischen Lagebeurteilung.

Angst vor Zweitrundeneffekten

“Eine strengere Geldpolitik soll verhindern, dass die Inflation in der Schweiz auf Waren und Dienstleistungen übergreift”, sagte SNB-Präsident Thomas Jordan zu der Massnahme. Denn nun gebe es Hinweise darauf, dass sie sich auch auf Angebote erstrecke, „die nicht direkt vom Krieg in der Ukraine und den Folgen der Pandemie betroffen sind“.

Preiserhöhungen werden nun schneller übermittelt und leichter akzeptiert als noch vor kurzem. Vor allem hat es das Risiko sogenannter Zweitrundeneffekte erhöht.

Die Zweitrundeneffekte sind Preiserhöhungen als Reaktion auf frühere Kostensteigerungen. Sie treten zum Beispiel auf, wenn aufgrund steigender Inflation höhere Löhne vereinbart werden.

Die Inflation schwächt sich leicht ab

Zur Erinnerung: Im Mai stieg die Inflationsrate in der Schweiz auf 2,9 Prozent. Die SNB strebt bekanntlich eine Inflation von maximal 2 Prozent an.

Bild: Tresorschlüssel

Die SNB geht davon aus, dass sich die Inflationsdynamik in der Schweiz nach der heute angekündigten Zinserhöhung leicht abschwächen wird. Zunächst gehen Währungshüter jedoch von einer durchschnittlichen jährlichen Inflation von 2,8 Prozent bis 2022 aus.

Laut SNB wird die Inflation im dritten Quartal mit 3,2 Prozent ihren Höchststand erreichen. Danach sollte es allmählich schwächer werden. Für das Gesamtjahr 2023 wird ein Wert von 1,9 Prozent prognostiziert, für 2024 von 1,6 Prozent.Ohne die heute steigenden Zinsen wäre die Inflationsprognose allerdings deutlich höher, betonte Jordan.

Franken wird nicht mehr hoch geschätzt

Die Zentralbank hat auch ihre Absicht unterstrichen, bei Bedarf weiterhin am Devisenmarkt zu intervenieren. Allerdings hält er den Schweizer Franken nicht mehr für hoch bewertet. Erstmals seit Einführung des Euro-Mindestkurses im Jahr 2011 setzen Währungshüter daher auch Devisenverkäufe aufs Spiel.

„Sollte der Franken schwächer werden, würden wir auch den Verkauf von Devisen in Betracht ziehen“, sagte Jordan. Die SNB sitzt auf einem riesigen Berg an Devisenreserven, die angehäuft wurden, als sie 2015 die Aufhebung der Euro-Untergrenze verteidigte und dann den Franken schwächte.

Erste Aushärtung seit 15 Jahren

Mit der heutigen Zinserhöhung hat die SNB erstmals seit fünfzehn Jahren die Zinsen angehoben. Im Januar 2015 fiel der Leitzins auf ein Allzeittief von -0,75 Prozent, während gleichzeitig der Euro-Mindestkurs sank.

Die SNB führte am 18. Dezember 2014 Negativzinsen ein, indem sie Guthaben auf ihren Girokonten, die eine bestimmte Freigrenze überschritten, mit -0,25 Prozent verzinste.

In der Nacht zuvor hatte die US-Notenbank die Zinsen zum dritten Mal seit Beginn der Coronavirus-Pandemie erhöht. Durch den Anstieg um 0,75 Prozentpunkte liegt er nun in einer Bandbreite von 1,50 bis 1,75 Prozent.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hingegen will ihre Leitzinsen erst im Juli um 0,25 Prozentpunkte anheben. Dies wäre der erste Anstieg seit mehr als einem Jahrzehnt.

„Die Emanzipation der EZB“

Die große Mehrheit der Ökonomen hatte zuvor erwartet, dass die SNB die Zinsen erst nach einem entsprechenden Schritt der EZB anheben würde. In den ersten Kommentaren kommt der Schritt aber gut an. Von einer “Wende in der Schweizer Geldpolitik” ist die Rede.

“Die SNB hat sich emanzipiert”, sagte ein Ökonom. „Das macht aber noch einmal deutlich, wie weit die EZB hinterherhinkt.“

Die Überraschung der SNB sorgte für grosse Bewegungen an den Finanzmärkten. Der Schweizer Franken legte gegenüber dem Euro und dem Dollar deutlich zu. Dagegen brach der Hauptindex SMI ein. Höhere Zinsen gelten als Gift für die Aktienmärkte.

(awp / sda)

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