Novartis bereitet sich auf die Zukunft vor. Zu fit, wenn man die Gewerkschaften fragt: Der Schweizerische Arbeitgeberverband kritisierte den am Dienstag angekündigten Stellenabbau als «brutale Fitnesskur». Novartis will in den nächsten drei Jahren 1400 Stellen in der Schweiz abbauen. Mehr als ein Dutzend Arbeitsplätze sind betroffen.
Ein Stellenabbau dieser Größenordnung ist in der Schweiz nicht üblich. Schon gar nicht, wenn der Wirtschaftsmotor brummt. Während andere Unternehmen aller Branchen mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen haben und händeringend Personal suchen, hat Novartis offenbar das gegenteilige Problem.
Pierre Derivaz (33) von Swiss Employees ist sichtlich überrascht. „Alle Indikatoren von Novartis sind grün“, sagte er gegenüber Blick. “Roche baut seinen neuen Turm auf der einen Seite des Rheins. Auf der anderen Seite baut Novartis Stellen ab. Das ist schwer zu verstehen.” Diejenigen, die bei Novartis entlassen werden, werden wahrscheinlich keine Arbeit beim Konkurrenten Roche finden – zu viele Pharmaarbeiter überschwemmen den Markt auf einmal. Auch die Gewerkschaft Unia spricht von “unnötigem” Stellenabbau.
Betrachten Sie nur den Aktienkurs?
Der Arbeiterverband wirft Novartis vor, statt der Mitarbeiter nur den Aktienkurs zu berücksichtigen. Die Rechnung scheint bisher nicht aufgegangen zu sein: Die Aktion von Novartis zeigt wenig Reaktion auf die Ankündigung des Stellenabbaus. Das verwundert: Sparübungen kommen bei den Anlegern oft gut an, und dann geht der Aktienkurs an der Börse tendenziell nach oben.
„Weil der Stellenabbau bereits bei der Ankündigung des neuen Organisationsmodells im April erwähnt wurde, hat die Börse kaum auf die konkrete Ankündigung reagiert“, stellt Pharmaanalyst Stefan Schneider (55) von Bank Vontobel fest.
Allerdings hält er den Stellenabbau für richtig oder zumindest konsequent: “Das entspricht der neuen Strategie, die Novartis vor Monaten angekündigt hat.”
Der Multi-Apotheker will sich stärker auf sein Kerngeschäft, die Apotheke, konzentrieren und andere Geschäftsbereiche darüber laufen lassen. Dies soll eine Einsparung von einer Milliarde Schweizer Franken pro Jahr bedeuten.
Schneider missfällt der Gewerkschaftsvorwurf, Novartis schrumpfe ausgerechnet im Zuge der Konjunkturerwärmung. “Stellenabbau geschieht nicht über Nacht. Es hängt also nicht vom aktuellen Wirtschafts- oder Börsenumfeld ab.” Aber nur aus der langfristigen Strategie.
Einen Job zu finden ist einfacher als je zuvor
Derivaz hingegen befürchtet, dass der Rest der Mitarbeiter der reduzierten Teams stark unter Druck geraten wird. „Wir kennen das von anderen Umstrukturierungen. Nach der Kündigungswelle kommt die Erschöpfungswelle.“
Novartis teilt diese Befürchtungen natürlich nicht: Stellenabbau würde Doppelarbeit beseitigen und die neue Struktur sei schlanker, so der Konzern. „Es ist also nicht so, dass die gleiche Menge an Arbeit auf weniger Leute verteilt werden sollte“, schreibt Novartis.
Das Basel Multi-Pharmaceutical engagiert sich für die Unterstützung betroffener Mitarbeitender: zum Beispiel bei der Arbeitssuche. Das ist zumindest die gute Nachricht für die Betroffenen: Dank Fachkräftemangel und Konjunktur soll ihnen die Jobsuche leichter fallen als bisher.