Stand: 24.06.2022 16:34 Uhr
Beleidigungen, Drohungen und manchmal auch Gewalt: Eine groß angelegte Studie zeigt, dass fast ein Viertel der Beschäftigten im öffentlichen Dienst diese Erfahrungen gemacht hat. Innenminister Faeser zeigte sich „zutiefst erschüttert“.
Fast ein Viertel der Beschäftigten im öffentlichen Dienst hat Gewalt erlitten. Das geht aus einer Studie hervor, die Bundesinnenministerin Nancy Faeser in Berlin vorgestellt hat. Demnach gaben 23 Prozent der Beschäftigten an, bereits Gewalt erlebt zu haben, zwölf Prozent berichteten sogar von mehreren Vorfällen in einem Jahr.
Zunahme während der Pandemie
Für die Studie befragten die Wissenschaftler mehr als 10.000 Mitarbeiter aus mehr als 1.600 Behörden. Die Polizei war an den Ermittlungen nicht beteiligt. Die Häufigkeit ist der Studie zufolge je nach Arbeitsbereich sehr unterschiedlich: Den Angaben zufolge ein Drittel oder mehr der Beschäftigten der Feuerwehr- und Rettungsdienste, des Veterinäramts, des Ordnungsamts und des Justizvollzugs. innerhalb eines Jahres Gewalt, Drohungen oder Beleidigungen erfahren hat.
Weniger als zehn Prozent der Hochschulmitarbeiter, der Sozial- und Arbeitsverwaltung und der Justiz haben solche negativen Erfahrungen gemacht. Männer waren etwas häufiger betroffen als Frauen. Die Zahlen sind während der Corona-Pandemie gestiegen. Eine Zunahme beobachteten die Ermittler vor allem bei Bürgerstandsämtern, bei der Akut- und der Justiz gegen Mitarbeiter des Ordnungsamtes.
Hohe Dunkelziffer
Nur etwa 30 Prozent der erlebten gewalttätigen Übergriffe wurden Vorgesetzten oder anderen Stellen gemeldet: „Die Dunkelziffer lag bei 70 Prozent“, heißt es in der Zusammenfassung der Studie. Viele Mitarbeiter behaupteten, sie hätten den bürokratischen Aufwand abgelehnt.
Dem Bericht zufolge gaben 44 Prozent der Mitarbeiter, die diese Angriffe erlitten haben, an, sich infolgedessen bei der Arbeit unwohl zu fühlen. Jeder vierte Betroffene litt unter psychischen Problemen wie Schlafstörungen, depressiven Verstimmungen oder Depressionen.
“Unhaltbare Zustände”
Bundesinnenminister Faeser besuchte zusammen mit Gewerkschaftsvertretern das Polizeipräsidium Berlin-Mitte, um sich aus erster Hand von Mitarbeitern über ihre Gewalterfahrungen zu informieren. Er sprach von einem “verheerenden Ergebnis”. Urheber müssen strafrechtlich verfolgt werden.
Sein Ministerium will gemeinsam mit den Gewerkschaften die Gewaltprävention und den Arbeitnehmerschutz verbessern. Der Bundespräsident des Deutschen Beamtenbundes, Ulrich Silberbach, forderte eine systematische Erfassung der Anschläge sowie Prävention und Nachsorge.
Laut DGB-Präsidentin Yasmin Fahimi ist Gewalt gegen Beschäftigte keine Randerscheinung. Auch in der Behandlung gibt es deutliche Defizite: Betroffene haben oft nicht die Unterstützung ihrer Vorgesetzten. Die meisten Befragten fühlen sich im Service nicht sicher. „Das sind unerträgliche Bedingungen, die die Arbeitgeber beseitigen müssen“, sagte Fahimi.