Stand: 17.07.2022 16:41
Der FC Barcelona ist hoch verschuldet, hat aber einen der teuersten Stürmer der Welt. Dahinter stecken buchhalterische Tricks und Emotionen.
Vor einem Jahr musste der FC Barcelona Lionel Messi gehen lassen, weil er das Gehalt seines Superstars nicht mehr bezahlen konnte. Nach Angaben des Klubs wogen sie 1,35 Milliarden Euro Schulden. Die goldenen Zeiten schienen für den Moment vorbei.
Doch jetzt hat Barcelona FIFA 2020 und 2021 Weltfußballer Robert Lewandowski verpflichtet, mit Bayern München wurde eine mündliche Einigung erzielt. 45 Millionen Euro plus Prämien von bis zu 5 Millionen Euro soll es kosten, den Torschützenkönig aus seinem bis 2023 laufenden Vertrag zu streichen. Außerdem gibt es definitiv ein üppiges Gehalt für den Vierjahresvertrag.
Zuvor hatte Barcelona bereits Rechtsverteidiger Raphinha von Leeds United für 55 Millionen Euro plus Boni verpflichtet. Franck Kessié (vom AC Mailand) und Andreas Christensen (vom FC Chelsea) sind ablösefrei gekommen, dürften aber auch hohe Gehälter ausgehandelt haben.
Verkauf von Silberwaren
Damit ist der FC Barcelona erneut an der ersten Transferplattform beteiligt, und das mit einem sehr hohen Risiko. Die Maßnahmen, die es dem Klub ermöglichen, diese Investitionen zu tätigen, sind größtenteils eine riesige Hypothek für die Zukunft. Denn die Verantwortlichen verkaufen auch Besteck: Sie wollen bis zu 25 Prozent der Fernsehrechte für bis zu 25 Jahre und 49,9 Prozent der Fanartikel-Läden abtreten. Die ersten Geschäfte wurden bereits fixiert, sodass der Sixth-Street-Investor für 207,5 Millionen Euro zehn Prozent der Fernsehrechte von Barça ausgegeben hat.
Insgesamt will Barcelona mehr als 600 Millionen Euro verdienen und damit die Bilanz der vergangenen Saison verbessern. Damit kann sich der Klub den Vorgaben des spanischen Ligaverbandes LFP entziehen, wonach für jeden Euro Gehaltsmehraufwand drei Euro Gehalt gespart werden müssen. Bekannte Ergänzungen wären bei dieser Auflage kaum möglich gewesen.
Frenkie de Jong will bleiben
Zwar haben einige Spieler niedrigere Gehälter akzeptiert oder diese unter schlechteren Bedingungen verlängert (wie zuletzt Ousmane Dembélé), bisher gab es jedoch nur wenige ausstehende Abgänge. Philippe Coutinho wechselt zu Aston Villa, der Vertrag von Dani Alves ist ausgelaufen, Francisco Trincao (Sporting Lissabon) und Clement Lenglet (Tottenham) wurden transferiert. Jong-Mittelfeldspieler Frenkie de Jong soll für viele Millionen an Manchester United abgegeben worden sein, pocht aber aktuell auf einen Verbleib beim FC Barcelona.
Neuer Sponsor, neue Einnahmequellen, neue Schulden
Daher muss die Richtung kreativ sein. Sie bekamen vom Streaming-Musikanbieter Spotify 435 Millionen Euro dafür, dass der Firmenname auf die Trikots gestempelt und in den Stadionnamen aufgenommen wird. Auch das „Spotify Camp Nou“ soll für 300 Euro pro Teilnehmer zusätzliches Geld für Amateurspieler bereitstellen. Auch Trauungen im Stadion sind möglich und kosten bis zu 13.500 Euro.
Andererseits entsteht durch das Stadion ein weiterer riesiger Schuldenberg. Bis zur Saison 2025/26 wird es erneuert und modernisiert. In der kommenden Saison wird der FC Barcelona seine Heimspiele vor maximal 55.000 Zuschauern abwechselnd im Olympiastadion Lluís Companys austragen. Kosten der Arbeiten im Camp Nou: bis zu 1,5 Milliarden Euro. Die Finanzierung, sagte Präsidentin Joan Laporta, ist vollständig durch Darlehen gesichert.
Superliga Lifeline
Auch diese Investition wird den Klub noch lange belasten – ebenso wie der 595-Millionen-Euro-Kredit, den die US-Investmentbank Goldman Sachs zur Bewältigung der akuten Krise zur Verfügung gestellt hat. Ablösesummen und Gehaltszahlungen sind mitunter so zersplittert, dass Teile der Ausgaben erst in Zukunft bezahlt werden müssen. Die Idee dahinter: Gerade jetzt konkurrenzfähig zu bleiben, um weiterhin die hohen Einnahmen der Champions League zu erspielen. Und dann langfristig besser wirtschaften und Schulden abbauen.
Oder: abwarten, bis aus der zunächst gescheiterten Super League doch noch etwas wird. Barcelona ist neben Real Madrid und Juventus Turin einer der besten Klubs, die das umstrittene Projekt einer privaten europäischen Liga noch vorantreiben. Sie fordern das Monopol der UEFA und der FIFA heraus, internationale Wettbewerbe zu organisieren. Ein Urteil des EU-Gerichtshofs wird Anfang 2023 erwartet.
Als Gründungsmitglieder könnten Vereine die Regeln für eine neue Super League mitgestalten und so sicherstellen, dass sie zuverlässig hohe Einnahmen generieren. Allerdings regte sich großer Widerstand bei Spielern, Funktionären und Fans, als im April 2021 zwölf Major-Klubs aus England, Italien und Spanien überraschend die Gründung der Super League verkündeten.
Lewandowski – auch eine Symbolfigur
Trotz aller Berechnungen hat Lewandowskis Verpflichtung eine emotionale Seite. Mit 34 wird der Pole in Barcelona wohl nicht mehr gewinnbringend verkaufen können. Aber es bringt dem Verein und den Fans nach all den Negativschlagzeilen und sportlichen Rückschlägen Hoffnung. Die Brillanz des legendären Klubs scheint noch zu wirken, und natürlich bringt Lewandowski viel Qualität und Erfahrung in den Kader.
Es könnte also wieder etwas werden mit Titeln in Spanien und ersten Plätzen in der Champions League. Der Verein ist jedoch aufgrund seiner riskanten Wette auf Blaseneinnahmen zum Sieg verurteilt.