TV-Kritik „Tatort“: Heike Makatsch setzt ihm eins ins Auge

– Heike Makatsch bekommt einen Schlag ins Auge

Ihren Fankreis wird die Schauspielerin mit diesem “Tatort” nicht erweitern können: Zu sagen, ihr neuer Fall sei übertrieben, wäre eine Untertreibung.

Gepostet: 26.06.2022, 21:31

Verletzte Polizei: Heike Makatsch mit verletzter Augenbraue, Sebastian Blomberg mit Armverstauchung.

SWR / Daniel Dornhöfer

Am Ende fing der Mann, von dem alle annahmen, dass er der Täter war, einfach an zu rennen. Mit Vollgas, der Kamera entgegen, mit einem Gehstil wie Tom Cruise in den Filmen „Mission: Impossible“. Aber renne vor niemandem davon. Es ist eher so, als würde er alles abschütteln wollen, was er durchgemacht hat.

Manchen Besuchern wird es ähnlich gehen. Was in den letzten 90 Minuten passiert ist, war so verrückt, dass es fast schon wieder Spaß gemacht hat.

Sie treten ein: ein ehemaliger Gefangener – das Ende des Rennens – der ein Tierbestattungsinstitut betreibt und nichts dagegen hat, reiche Witwen zu treffen, die ihren Lieblingshund einäschern. Sein Sohn, der nur in der Mitte des Films auftaucht, sorgt aber für heftige Auseinandersetzungen. Und ein Staatsanwalt, der dümmer vorgeht, als die Polizei erlaubt.

Sie ist besessen von ihren Fällen

Ja, diese Polizisten. Heike Makatsch ist zum vierten Mal Ellen Berlinger, die zunächst in Freiburg forschte und dann nach Mainz zog. Dieser Detektiv ist alles andere als eine nette Figur, vernachlässigt seine Kinder, hält sich nicht an die Dienstregeln und ist total besessen von deren Fällen. Instinktiv.

Heike Makatsch spielt es gut. Einmal klammert sich sein Inspektor an den verdächtigen Witwendildo, den er bei einem jungen Fremden gesehen hat: “Werden Sie nur mit alten Leuten und kleinen Kindern betäubt?” Er findet das nicht lustig. Daher ermittelte der Kommissar fortan mit einer kaputten Augenbraue.

Offenbar wollen viele reiche Witwen diesen Mann in ihrem Garten haben: Klaus Steinbacher und Ulrike Krumbiegel.

SWR / Peter Porst

Härte ist Konzept. Kommissar Martin Rascher, gespielt von Sebastian Blomberg, sorgt für Entschädigung. (Warum sind die beiden nicht wirklich ein ebenbürtiges Duett, wie an vielen anderen Stellen im „Tatort“?) Doch der Kollege kann ihren beruhigenden Einfluss kaum bändigen. Was für ihn einen verletzten Arm zur Folge hat und für uns in der Öffentlichkeit, dass wir bei Verhören sogar den dicken Verdächtigen sympathischer finden als den Kommissar.

In wessen Augen eigentlich?

Theoretisch klingt das Konzept von Kommissarin Makatsch interessant: Die beliebte Schauspielerin („Tatsächlich Liebe“, Knefs Film „Hilde“) als launische Forscherin. In Wirklichkeit ist es jedoch extrem nervig. Und warum trägt der Film den kryptischen Titel „In Your Eyes“? Das wissen nur Drehbuchautor Thomas Kirchner (der viele „Spreewaldkrimis“ geschrieben hat) und Regisseur Tim Trageser.

Am Ende läuft der Mann, den alle für den Täter hielten, weg. Schnell, schnell … Zeit zum Entspannen bleibt genug. Jetzt beginnen die Sommerferien beim “Tatort”.

Matthias Lerf verfügt über langjährige Erfahrung als Kulturredaktor in Bern und Zürich. 2008 gewann er den Prix Pathé für herausragende Filmkritik.

Mehr Informationen @ MatthiasLerfVeröffentlicht: 26.06.2022, 21:31

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