Russland führt seit mehr als fünf Monaten Krieg gegen die Ukraine; ein klarer Gewinner steht noch nicht fest.
Doch nun berichtet eine US-amerikanische Denkfabrik, dass sich das Machtgefüge offenbar geändert habe. Das “Institute for the Study of War (ISW)” schreibt in seiner täglichen Lagebeurteilung, dass die Ukraine erstmals seit Kriegsbeginn in der Lage zu sein scheint, die Initiative im Krieg zu ergreifen. Kriegsanalytiker begründen dies damit, dass die Russen immer mehr Personal und Ausrüstung in die Regionen Cherson und Saporischschja verlegen und damit die Einnahme der Städte Slowjansk und Sewersk „offenbar aufgegeben“ haben.
Reaktion statt Aktion
Auch die Russen haben in der Vergangenheit Ressourcen umgeschichtet, etwa als sie einen Angriff auf Charkiw ausgesetzt haben, um ihre Angriffe auf Luhansk zu intensivieren. Dies geschah jedoch aus eigener Initiative, weil seine Vorgesetzten neue Prioritäten setzten. Zum Beispiel, als der Angriff auf Kiew zu Beginn des Krieges so kläglich scheiterte und die Russen frei entscheiden konnten, sich auf den Osten zu konzentrieren.
Aber jetzt ist die Situation anders. „In diesem Fall scheinen die russischen Streitkräfte auf die ukrainische Gegenoffensive in der Region Cherson zu reagieren, anstatt bewusst Ziele auszuwählen, auf die sie ihre Bemühungen konzentrieren“, heißt es in dem Bericht.
Ob die Ukraine in der Lage sein wird, groß angelegte Gegenoffensiven auf mehreren Achsen gleichzeitig zu starten, wird den Ernst der Lage für die Russen bestimmen. Wenn sie beispielsweise um die Stadt Izyum herum Druck ausüben könnten, während sie die Gegenoffensive in Cherson fortsetzen, würden die russischen Streitkräfte vor sehr heikle Probleme stehen.
Sie müssten sich dann entscheiden, ob sie die westlichen Stellungen um Izyum aufgeben würden, um ihre Kommunikationslinien weiter nördlich und östlich zu verteidigen, oder ob sie mehr Arbeitskräfte und Ausrüstung einsetzen würden, um zu versuchen, die aktuelle Frontlinie zu halten. „Allerdings müssten diese Kräfte von einer anderen Achse kommen, was andere russische Errungenschaften gefährden würde“, heißt es in der Analyse.
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Die Drohungen genügten den Russen, um ihre Kriegspläne anzupassen
Gewinnen die Ukrainer wirklich die Oberhand oder ist das die Illusion eines amerikanischen Unternehmens mit politischen Motiven? «Ich finde die ISW-Analysen glaubwürdig und aktuell», sagt Marcel Berni, Strategieexperte an der ETH-Militärakademie, gegenüber Blick. Es ist jedoch davon auszugehen, dass das Institut ein Interesse daran hat, die Ukraine zu unterstützen.
Berni sagt zum aktuellen Fall: “Es stimmt, dass die Russen immer mehr Material und Soldaten nach Süden verlegen, daher ist der Vormarsch im Osten schon lange nur noch mikroskopisch gering.” Die viel versprochene ukrainische Gegenoffensive ist seiner Meinung nach jedoch bisher nicht zustande gekommen. Allerdings hätte die Drohung gereicht, dass die Russen die Kriegspläne angepasst hätten.
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Berni bleibt skeptisch
Die kommenden Wochen müssten zeigen, ob die Ukrainer wirklich in der Lage seien, “erstmals den Kriegsverlauf aktiv mitzugestalten”. Berni: „Das würde bedeuten, dass die Ukraine von einer defensiven Offensive zu einer strategischen Offensive übergehen könnte. Wenn sie das wirklich kann, stünden wahrscheinlich ähnliche Probleme bevor wie Russland in den vergangenen Monaten.“ Der Experte spricht unter anderem lange Frontalbögen, selektive Gegenangriffe und Versorgungsprobleme an.
Berni stellt fest, dass die Analysten von Think Thanks großes Vertrauen in die Ukrainer haben. Doch ihm fehle die langfristige Perspektive: “Je länger dieser Krieg dauert, desto mehr wird er für mich nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch an den Fließbändern der Waffenfabriken entschieden.”