Ukrainische Truppen verzichten auf Siewerodonezk

Die stark umkämpfte und völlig verwüstete Industriestadt war bis vor kurzem einer der wenigen Teile des Gebiets, in dem russische Soldaten und pro-russische Separatisten noch nicht die volle Kontrolle übernommen haben. Wenn Luhansk vollständig fiel, hätte der Kreml eines seiner wichtigsten Kriegsziele erreicht.

Niederlage und Sieg gehen an diesem Tag für die Ukraine Hand in Hand. Nur wenige Stunden zuvor hatte die ehemalige Sowjetrepublik den Status eines Kandidatenlandes für den EU-Gipfel in Brüssel erhalten. In der einheitlichen Nachrichtensendung der Ukraine wird der Austritt von Sievjerodonetsk nur kurz erwähnt: Die Aussicht auf die neugewonnene EU nimmt am Freitag viel mehr Raum ein.

Jetzt ist links oben im TV-Bild ein EU-Symbol mit der Aufschrift „Die Ukraine gehört zu Europa“ zu sehen. Präsident Wolodymyr Selenskyj ist froh, dass sein Land kein “Puffer” oder “Polster” mehr zwischen Ost und West ist. Doch während in der Hauptstadt Kiew Optimismus herrscht, spitzt sich die Lage im Osten zu.

Seit Wochen konzentriert sich die russische Armee auf Angriffe auf den Donbass. Vor knapp zwei Wochen teilte die ukrainische Seite mit, dass landesweit jeden Tag bis zu 100 Soldaten aus den eigenen Reihen fallen würden. Wenn die Kämpfe in Siewjerodonezk weitergehen, werde diese Zahl massiv steigen, sagt der Gouverneur. Fast alle Häuser dort, etwa 90 Prozent, wurden zerstört. Von den rund 100.000 Einwohnern sollen nur noch 7.000 bis 8.000 übrig geblieben sein.

Die Stadt machte auch immer wieder Schlagzeilen, weil anscheinend Hunderte von Zivilisten weiterhin an der Azot-Chemiefabrik festhielten, die zu einem Luftabwehrbunker geworden war. Was aus ihnen wird, ist unklar. Auch in der Nachbarstadt Lysychansk, auf der anderen Seite des Siversky-Flusses Donez, sieht es aus ukrainischer Sicht trostlos aus: Russische Truppen sind bereits an den Rand der Stadt vorgedrungen. Mehrere umliegende Siedlungen werden erobert.

Kurz vor dem Anschlag Ende Februar hatte der russische Präsident Wladimir Putin die Separatistenregion Luhansk gegen weit verbreiteten internationalen Protest als eigenständige “Volksrepublik” anerkannt, ebenso wie die benachbarte Region Donezk. Moskau will beide Regionen offiziell von ukrainischen Nationalisten “befreien”, laut Beobachtern ein reiner Vorwand für den brutalen Angriffskrieg. Immerhin kontrollieren die Ukrainer in Donezk immer noch etwa 40 Prozent des Territoriums.

Trotz der Niederlage in Sjewjerodonezk ist ukrainischen Quellen zufolge nicht mit einem groß angelegten Rückzug der umstrittenen Gebiete zu rechnen. Die Verluste seien hoch, räumte Gouverneur Hajdaj am Freitag ein. Aber es gibt keinen Krieg ohne Opfer. “Wenn wir uns überall zurückziehen, werden wir bald in den Karpaten kämpfen.”

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