Der Fall von Siewerodonezk hätte weitreichende Folgen
Wenn Siewjerodonezk fällt, ist der Weg frei für das nächste Kriegsziel, die vollständige Eroberung der Region Donezk. Die heftigsten Kämpfe dort bedrohen die symbolträchtigen Bastionen Slowjansk und Kramatorsk. Auf halbem Weg haben russische Truppen bereits das wichtige Lyman-Transportzentrum, etwa 40 Kilometer von Kramatorsk entfernt, eingenommen. Auch westliche Beobachter sehen die russischen Truppen nach fast 100 Kriegstagen und einem defizitären Start nun deutlich schlagkräftiger.
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Einfügung
Laut dem Militärexperten und Politikwissenschaftler Carlo Masala lassen sich die jüngsten militärischen Errungenschaften der Russen im Donbass auf zwei Ursachen zurückführen: Erstens verfügen die Ukrainer nicht über schwere Waffen. Zweitens hatten die Russen ihre Strategie erfolgreich geändert. „Im Gegensatz zum bisherigen Kriegsverlauf rücken sie nicht mehr in großen Frontabschnitten vor, sondern bündeln ihre Truppen zum Vormarsch in kleinen Frontabschnitten. Dadurch haben sie nun einen personellen Vorteil.“ sagen die Professoren für Internationale Politik an der Universität der Bundeswehr in München der Deutschen Presse-Agentur.
Für die Ukraine stellt sich nun die Frage, ob sie auf bestimmte Gebiete verzichten soll, weil sonst die Gefahr besteht, dass Truppen eingekesselt und später vielleicht in Kriegsgefangenschaft geraten. Entscheidend für den späteren Kriegsverlauf werde aber der Erfolg der von der Ukraine für Juni angekündigten Gegenoffensive sein, sagte Masala.
Die Nachfrage nach schweren Waffen bleibt stark
Am Wochenende drängte die ukrainische Führung unter Selenskyj erneut auf die Lieferung schwerer Waffen, darunter meist Mehrfachraketenwerfer, mit denen russische Truppen nach Osten geschoben werden müssen. Zelenskyj will den Konflikt auf dem Schlachtfeld gewinnen. Russlands Forderungen, die 2014 von Russland annektierten Gebiete der Ostukraine und der Schwarzmeerhalbinsel Krim aufzugeben, weist er kategorisch zurück.
Putin zeigte sich am Samstag bei einem Telefonat mit Bundeskanzler Olaf Scholz und dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron offen für einen Dialog mit der Ukraine. Doch Verhandlungen stehen noch aus. Militärexperte Masala sieht für Putin keinen Grund, sich auf Gespräche einzulassen. “Es funktioniert für ihn.” Putin wird nur dann ernsthaft verhandeln, wenn er befürchtet, durch die Fortsetzung des Krieges mehr zu verlieren, als er gewonnen hat.