Stand: 30.05.2022 13:11
Ein Mann aus Nordrhein-Westfalen soll jahrelang Kinder missbraucht und Unmengen kinderpornografischer Daten gesammelt haben. Das jüngste Opfer war einen Monat alt. Die Polizei ermittelt gegen weitere 70 Verdächtige.
In einem neuen Komplex wegen Kindesmissbrauchs und Kinderpornographie ermittelt die Polizei bundesweit gegen mehr als 70 Tatverdächtige aus 14 Bundesländern. Lediglich Bremen und das Saarland seien bislang nicht betroffen, hieß es auf einer gemeinsamen Pressekonferenz von Staatsanwaltschaft und Polizei Köln. Sie gründeten die Spezialeinheit “BAO-Liste (Besondere Organisationsstruktur)”, um Verbrechen zu untersuchen. Der neue Missbrauchskomplex hat den Ermittlern zufolge eine Dimension der Brutalität, die sogar die von Lügde übertrifft.
Ausgangspunkt war also ein Berliner Fall. Bei den dortigen Ermittlungen fanden die Ermittler einen 44-jährigen Mann aus dem nordrhein-westfälischen Wermelskirchen, der Kinder schwer sexuell missbraucht haben soll und in Haft ist. Er soll sich im Raum Köln als Babysitter angeboten und bei diesen Gelegenheiten zwischen 2005 und 2019 zwölf Kinder missbraucht haben. Die Hälfte der Kinder war nicht älter als drei Jahre. Er habe die Taten “im Wesentlichen eingestanden”, sagte Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer.
„Sie haben 33 Terabyte an Beweismaterial“, Jochen Hilgers, WDR, über den Erfolg einer Fahndung in einem Fall von Kindesmissbrauch
Tagesschau 12:00 Uhr, 30.5.2022
Viele beschlagnahmte Daten
Der Mann war verheiratet und hatte keine nennenswerten Vorstrafen. Als er im Dezember festgenommen wurde, setzte die Kölner Polizei eine Sondergruppe ein, um sicherzustellen, dass der Computer des Mannes eingeschaltet und unverschlüsselt war.
Er fand große Datenmengen zu Kinderpornografie und Missbrauchsbildern, die auf der Seite gesichert wurden. Die Polizei brauchte 18 Tage, um die 32 Terabyte an Daten aus dem Computersystem des Verdächtigen zu kopieren. Eine einzige Festplattenpartition enthalte 3,5 Millionen Bilder und 1,5 Millionen Videos, sagte Jürgen Haese, Ermittler der Kölner Kriminalpolizei.
Die frühesten Aufnahmen stammen aus dem Jahr 1993. Um den Überblick nicht zu verlieren, soll der Mann detaillierte Listen geführt haben, die nun helfen, die weiteren Verdächtigen zu identifizieren.
„So viel menschenverachtende Brutalität und grausame Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden kleiner Kinder, ihren Schmerzen und ihren Schreien und ihrer offensichtlichen Angst ist mir noch nie begegnet und ich könnte es mir auch nicht vorstellen“, sagte der Kölner Polizeipräsident Falk Schnabel.
Bisher 33 Opfer identifiziert
Bei den Aufzeichnungen handelt es sich um Bilder und Videos schwerster Missbräuche und Verstöße. „Wir müssen sogar davon ausgehen, dass bei diesen Handlungen Substanzen verwendet wurden, die eine betäubende Wirkung haben“, erklärte Haese. Weitere Forschungen sind derzeit im Gange.
Bisher wurden 33 Opfer identifiziert, die zum Tatzeitpunkt zwischen einem Monat und 14 Jahren alt waren. Die erste Tat, die bisher versucht werden könne, habe 2005 stattgefunden, sagte Haese. Einige der identifizierten Opfer sind inzwischen Erwachsene und haben erst von der Polizei erfahren, dass sie als Kinder missbraucht wurden.
Nach Angaben der Ermittler gibt es bisher keine Hinweise darauf, dass hinter den Taten eine Gruppe oder ein Netzwerk von Pädophilen steckt. Der Hauptverdächtige habe allein gehandelt und Einzelkontakte zu weiteren mutmaßlichen Tätern unterhalten, sagte er.
Live-Tagesschau: Pressekonferenz zum neuen Missbrauchskomplex in NRW
30.05.2022 12:58
Mehrere wichtige Verfahren in NRW
Nordrhein-Westfalen hat sich in den letzten Jahren zu einem Zentrum der Erforschung des sexuellen Missbrauchs von Kindern entwickelt. Nach dem Missbrauch auf dem Campingplatz Lügde im Kreis Lippe sind Ermittlungen in den Anlagen Bergisch Gladbach und Münster nachgegangen. Der aktuelle Fall lasse Befürchtungen aufkommen, dass er sein Ausmaß überschreiten könnte, sagte Polizeipräsident Schnabel.
Im Fall Bergisch Gladbach haben Ermittler 65 Kinder aus der Gewalt von Sexualstraftätern befreit. Die Fallermittlungsgruppe „BAO Berg“ hatte seit ihrem Beginn im Herbst 2019 ein weites Netzwerk von schwerem Kindesmissbrauch aufgedeckt, beginnend mit einem Familienvater in Bergisch Gladbach. Anfang dieses Jahres gab es im Resort 439 Verdächtige und landesweit 27 Verhaftungen.
In dem 2020 entdeckten Missbrauchskomplex in Münster wurden Kinder in einem Wachposten und anderswo vergewaltigt. Bisher hat die Polizei mehr als 30 Opfer identifiziert und mehr als 50 Verdächtige ausfindig gemacht, von denen einige bereits verurteilt wurden.