– 50 Sekunden warten auf Putin
Es ist ein Spiel zwischen Politikern: Man lässt andere warten. Nun ist passiert, was der russische Präsident gerne tut. Ein Leckerbissen für politische Beobachter.
Veröffentlicht heute um 11:40 Uhr
Warten gehört zum Leben, auch wenn die Weltöffentlichkeit zuschaut: Wladimir Putins repetitives Verhalten beim Warten auf Erdogan.
Video: AFP
Viele Menschen empfinden Warten als leere und verschwendete Zeit. Langeweile, Nervosität, Wut oder Stress: Auch Wladimir Putin hatte offenbar mit diesen Emotionen zu kämpfen. Vor dem Teheran-Gipfel musste der Kremlchef am Dienstagabend 50 Sekunden auf ein Treffen mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan warten. Eine Situation, die Putin unwissentlich innehatte.
Videoaufnahmen zeigen Putin, allein, wie er mehrmals von einem Bein aufs andere wechselt, angespannt schwankt, sich an den Händen hält und mehrmals das Gesicht verzieht, als hätte er Kaugummi im Mund. Putins repetitives Verhalten, aufgezeichnet von Kameras vor Journalisten, sowie Erdogans “Verzögerung” geben daher Anlass zu Spekulationen.
Der “Guardian” vermutet eine Art Machtspiel von Erdogan, die Journalistin Joyce Karam sagte, diese 50 Sekunden zeigten auch die Gewichtsveränderung Putins auf der weltpolitischen Bühne. „Diese 50 Sekunden, die Erdogan Putin warten ließ, während er zerzaust vor den Kameras stand, sagen viel darüber aus, wie viel sich nach der Ukraine verändert hat“, twitterte der Korrespondent von National News.
Erdogan und seine Delegation vor Putins Tür: Die Uhr läuft
Die türkische Presse sieht in Erdogans Verzögerung eine klare Absicht, eine Art Antwort auf seinen russischen Amtskollegen, der diese “Geste der Dominanz” auch selbst gerne ausübt. Zum Beispiel im Frühjahr 2020.
Bei einem gemeinsamen Angriff syrischer und russischer Luftstreitkräfte im Gouvernement Idlib gegen die türkische Armee sind mehr als 30 türkische Soldaten getötet worden. Erdogan reiste daraufhin nach Moskau, um sich mit Putin zu treffen. Er ließ ihn und seine Mitarbeiter jedoch zwei Minuten hinter verschlossenen Türen warten. Das russische Staatsfernsehen spottete darüber und übertrug Aufnahmen von Erdogan und seiner Delegation samt Stoppuhr. Die türkische Öffentlichkeit empfand die Tat als tiefe Demütigung.
Putin lässt sie alle warten
Dass Wladimir Putin seine Macht immer wieder auf diese Weise ausübt, ist hinlänglich bekannt und sogar statistisch erfasst. Eine Einschätzung von Radio Free Europe / Radio Liberty zeigt, dass Putin seit 2003 (Stand 2017) zu offiziellen Treffen aller Art zu spät kommt.
Quelle: Radio Free Europe / Radio Liberty
Während selbst die Queen sich gedulden musste, wenn auch nur für 14 Minuten, hätte sich Papst Franziskus bei einem guten Fußballspiel höchstens noch eine Halbzeit länger anschauen können (50 Minuten). Die erste auf der „Liste der Kühnheit“, wie die Warteliste in deutschen Medien genannt wird, ist jedoch die ehemalige deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Er wartete vier Stunden und 15 Minuten, bis der ehemalige KGB-Agent Putin auftauchte.
“Hallo, wie geht es dir? Gut?”
In Teheran drehte Erdogan um und ließ den russischen Präsidenten fallen. Im Vergleich zu Putins Verzögerungen ist die Wartezeit von 50 Sekunden jedoch kaum mehr als ein Wimpernschlag und eine Mini-Front. Denn als Erdogan endlich auftauchte, warf Putin in gespielter Verzweiflung die Arme in die Höhe. „Hallo, wie geht es dir, gut?“, fragte Erdogan. Sie lächelten sich an und schüttelten sich die Hände.
Es ist nicht klar, ob Erdogan zu spät oder Putin zu früh für das Treffen war. Beobachtern zufolge zeigte das Video, das viral ging, etwas anderes: Wer den russischen Präsidenten als todkrank diagnostizierte, sah Putin, der in knapp zwei Monaten 70 Jahre alt wird, verärgert, aber nicht arbeitend oder krank, nicht zerbrechlich
Gaul
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