Stand: 19.07.2022 18:43 Uhr
Wie sicher ist die Stromversorgung im Winter? Die Bundesregierung rechnet neu. Vom Ausgang hängt wohl auch der weitere Verlauf der Atomdebatte ab.
Von Hans-Joachim Vieweger, ARD-Hauptstadtstudio
Wer heutzutage einen Heizlüfter kaufen möchte, sucht vielerorts vergeblich – vor allem bei günstigeren Exemplaren sagt der Baumarkt vor Ort oder im Online-Baumarkt „Artikel nicht verfügbar“. Das zeigt, dass sich viele Hausbesitzer angesichts der drohenden Gasengpässe vorsorglich mobile Heizgeräte einfallen lassen – Geräte, die mit Strom statt mit Gas betrieben werden.
BR Logo Hans-Joachim Vieweger ARD-Hauptstadtstudio
Gibt es eine Verbrauchsspitze?
All dies macht die Stromnachfrage im nächsten Winter zu einer großen Unbekannten, wie Tobias Federico, CEO des Berliner Beratungsunternehmens Energy Brainpool, erklärt: Wenn all diese Geräte gleichzeitig laufen, könnte dies zu einem ordentlichen Maximum führen Energieverbrauch.
Die Entwicklung der Stromnachfrage ist jedoch nur einer der Gründe, warum das Bundeswirtschaftsministerium erneut prüfen will, inwieweit das deutsche Stromnetz in einer Krise gefährdet wäre. Ein erster Belastungstest ergab, dass Lebensmittel im Winter versichert sind; Doch jetzt rechnet das Ministerium mit strengeren Annahmen nach: Was, wenn weniger Gas nach Deutschland kommt und der Gaspreis weiter steigt? Was, wenn französische Atomkraftwerke weiterhin Probleme machen und Frankreich weniger Atomstrom exportieren oder, wie derzeit, sogar Strom in Deutschland kaufen kann?
Es werden mehrere Szenarien modelliert
Diese Hypothesen fließen dann in die Computermodelle ein, mit denen Stromnetzbetreiber Stromerzeugung und -verbrauch in unterschiedlichsten Szenarien modellieren. Dabei geht es bis ins letzte Detail um drei Inhalte: Welche Anlage kann wann wie viel Strom produzieren? Wie viel Strom wird wo und zu welcher Zeit verbraucht? F: Können Netzwerke das alles bewältigen oder sollte man irgendwo gegensteuern?
Natürlich spielt auch die Kälte des Winters eine Rolle. Und wie begrenzt ist Strom aus erneuerbaren Wind- und Solarenergiequellen zu dieser Jahreszeit. Vorbilder für Extremsituationen sind schließlich auch der paneuropäische Strommarkt: Wo bekommt Deutschland im Ernstfall Strom, welche anderen Länder sollen im Ernstfall auf deutsche Hilfe zählen können?
Gibt es auch in der kalten Jahreszeit keinen Shutdown?
Viele Unbekannte, die in den Supercomputern der vier großen Netzbetreiber 50Hertz, Amprion, Tennet und Transnet BW aufeinandertreffen. Abschließend mit einer Frage: Ist auch in kritischen Situationen immer und überall genug Power vorhanden?
Energy-Brainpool-CEO Federico rechnet derzeit nicht mit einem Stromausfall im Winter, obwohl die Lage „um einiges angespannter“ sei als in den Vorjahren. Es bezieht sich auf Kohlekraftwerke, die jetzt aus der Reserve genommen werden, um Gas zu ersetzen. Auch bei einer kalten Jahreszeit soll es laut Federico zu keinem „Shutdown“ kommen.
Bayern macht sich besonders Sorgen um die Energieversorgung
Besondere Sorgen gibt es derzeit jedoch im Süden, wo kaum Kohlekraftwerke zur Verfügung stehen, um den Gasmangel auszugleichen. Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) verbindet den neuen Stresstest der Strombranche deshalb mit klaren Erwartungen. Er will wissen, ob Bayern vor dem Hintergrund der unsicheren Gasversorgungslage ab Januar 2023 auf Atomenergie verzichten kann. Aiwanger merkt an, dass die Bundesnetzagentur den Atomwaffenausstieg in Bayern 2019 nur unter der Annahme für möglich gehalten habe, „dass wir sicheres Brückengas haben“, was offensichtlich nicht mehr der Fall sei. Bisher deckt die Kernkraft rund sechs Prozent des deutschen Strombedarfs, in Bayern liegt der Anteil bei über zehn Prozent.
Daher spricht sich der Chef der Freien Wähler – wie die Parteien von Union und FDP – für eine Mandatsverlängerung der drei verbleibenden Atomkraftwerke Emsland (Niedersachsen), Isar 2 (Bayern) und Neckarwestheim 2 (Baden-Württemberg) aus ). Die Bundesregierung sagt, es müsse zunächst mit den Ergebnissen des Stresstests gerechnet werden, bevor eine faktenbasierte Entscheidung getroffen werden könne. Allerdings hat der Stresstest bereits die Diskussion um eine mögliche Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken angeheizt.
Elektrischer Belastungstest: Was bedeutet das, wie funktioniert es?
Hans-Joachim Vieweger, ARD Berlin, 19.7.2022 18:18