Vom Kanzler zum Sohn SPD-Problem: Der Fall Gerhard Schröder

Aktualisiert am 14.07.2022 um 15:39 Uhr

  • Altkanzler werden von ihren Parteien meist weit über ihre Amtszeit hinaus gefeiert.
  • Nicht so Gerhard Schröder.
  • Seine Nähe zu Russland macht den 78-Jährigen bei der SPD unbeliebt.

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Gerhard Schröder war viele Jahre das Gesicht der SPD, Erfolgsgarant und Hingucker, erst als niedersächsischer Ministerpräsident, dann als Bundeskanzler. Sein Nein zum Irakkrieg mag ihm Sympathie eingebracht haben, seine Kritik Ja zu Hartz IV. Rückblickend ist es jedoch die Politik der “Russland-Verständigung”, die das Bild von Schröders Kanzleramt prägt. So sehr, dass viele Kollegen Schröder nun loswerden wollen. Sogar die Parteichefin Saskia Esken hat ihn gebeten, zu gehen. Am Donnerstag verhandelt die Schlichtungskommission des SPD-Unterbezirks Region Hannover über einen möglichen Parteiausschluss. Wie könnte dies erreicht werden?

Schröders Verbindung zu Putin stammt aus einer ganz anderen Zeit

Schröders enge Verbindungen zu Wladimir Putin gehen auf eine Zeit zurück, als Russlands Präsident im Bundestag noch mit Standing Ovations feierte. „Es war eine andere Zeit, eine Zeit der Hoffnung, dass nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Zusammenbruch des Warschauer Pakts etwas zusammengewachsen ist“, erinnerte sich Schröders Ex-Frau Doris Schröder-Köpf im März nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. “Das hat nichts mit heute zu tun. Heute ist leider eine andere Welt.”

In der Alten Welt kündigten Schröder und Putin im Jahr 2000 eine Wiederaufnahme der deutsch-russischen Beziehungen an. Es ist ein historischer Schritt, ein Zeichen der Versöhnung, und schon damals gab es ein zentrales Thema: Gas. Im Beisein führender Politiker werden mit dem russischen Energiekonzern Gazprom Verträge für mehrere Milliardenprojekte der deutschen Wirtschaft unterzeichnet.

Weniger als zwei Wochen vor der Bundestagswahl 2005 waren Schröder und Putin auch dabei, als sich ein Konsortium großer Energiekonzerne auf den Bau einer Pipeline auf dem Grund der Ostsee einigte: North Stream 1, die heute wegen Wartungsarbeiten geschlossen wurde. Deutschland sichere seine Energieversorgung in Zusammenarbeit mit Russland über Jahrzehnte, erklärte Schröder damals.

Nach der Wahlniederlage beginnt Schröders Engagement im Energiesektor

Kurz nach der verlorenen Wahl übergab er im November das Kanzleramt an Angela Merkel – und schon im Dezember war von einem Kompromiss mit Gazprom die Rede, den er im März 2006 annahm: als Vorsitzender des Gesellschafterausschusses des Betreibers der neuen Baltic Seegaspipeline, Nord Stream AG. Sofort werden Korruptions- und Vetternwirtschaftsvorwürfe erhoben. Aber Schröder pflegte die Zusammenarbeit und das über Jahre.

Es folgen Verpflichtungen als Vorsitzender des Board of Directors von Nord Stream 2 (ernannt 2016), als Mitglied des Aufsichtsrats des russischen Ölkonzerns Rosneft (2017-2022) und als Mitglied des Aufsichtsrats von The British-Russian Ölgesellschaft TNK-BP (2009-2011), die jetzt zu Rosneft gehört. Schröders Nähe zu Konzernen wird immer wieder kritisiert. Allerdings waren sowohl die SPD als auch Bundeskanzlerin Merkel damals sehr bereit, auf russisches Gas zu setzen.

2014, nach der russischen Annexion der Krim durch die Ukraine, erklärte Schröder, Putin verstoße gegen internationales Recht. Allerdings will er Putin nicht verurteilen, der “Einkreisungsängste” habe. Lehnt eine Vermittlerrolle ab. Er wird sein Amt bei Nord Stream bekleiden.

Schröders Äußerungen zum Ukrainekrieg bleiben pro-russisch

Auch nach Russlands Angriff auf die gesamte Ukraine im Februar 2022 sollte es Monate dauern, bis Schröder sich aus Rosneft zurückzog. Der Altkanzler hat nach einem Bundestagsbeschluss bereits sein Amt und seinen Stab niedergelegt, sein Vermittlungsversuch in Moskau ohne Rücksprache mit der Bundesregierung ist gescheitert. Auch einen Posten im Aufsichtsrat von Gazprom lehnt er ab. Aber seine Äußerungen zum Krieg in der Ukraine bleiben relativ pro-russisch. Schröder sagt, es sei “die Verantwortung der russischen Regierung”, den Krieg zu beenden. Die Beziehungen zu Russland sollten jedoch nicht vollständig abgebrochen werden.

Schröder folgt dieser Linie: Noch vor wenigen Tagen sagte der 78-Jährige der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”, er wolle mit Putin in Kontakt bleiben und glaube nicht an eine militärische Lösung in der Ukraine. „Der Krieg kann nur durch diplomatische Verhandlungen beendet werden“, sagte Schröder, garniert mit etwas Kritik in der Ukraine.

Viele SPD-Mitglieder sind darüber zutiefst enttäuscht, enttäuscht von ihrem prägnanten, aber erfolgreichen Vorbild, das sie einst von Wahlsieg zu Wahlsieg geführt hat. „Traurig“: Dieses Wort fällt in der Partei am häufigsten, wenn es darum geht, wie sich Schröder heute verhält. Von dieser Enttäuschung zeugen insgesamt 17 förmliche Ausschlussgesuche aus der Partei, sowie weitere, die den Anforderungen nicht genügten.

Eine Entscheidung über eine Parteisanktion – eine Verwarnung oder mehr – gibt es an diesem Donnerstag nicht. Der dreiköpfige Ausschuss werde am Freitag eine interne Beratung abhalten, sagte Hannovers SPD-Kreisgeschäftsführer Christoph Matterne am Donnerstag. Die Entscheidung fällt in den nächsten drei Wochen. Aus rechtlicher Sicht ist jedoch hinter vorgehaltener Hand zu hören, dass der Rauswurf des Altkanzlers der SPD äußerst unwahrscheinlich ist.

17 Anträge auf ein Parteiordnungsverfahren gegen Schröder von der SPD seien eingegangen. Zu der zweieinhalbstündigen Verhandlung erschien der 78-Jährige nicht. Er wurde auch nicht durch einen Anwalt vertreten. (dpa/Christopher Weckwerth/mgb) © dpa

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