Von Trump bis Putin: Die neue Lust der Reaktionäre

Inhalt

Der Autor Karl-Heinz Ott ist überzeugt: Hinter dem Krieg in der Ukraine steckt eine Feindschaft gegen die Grundlagen der Moderne.

“Der Wunsch nach Autoritarismus wächst.” Das ist eine der Diagnosen, die Karl-Heinz Ott in „Verfluchte Neuzeit“ stellt. Nichts weniger als eine “Geschichte des reaktionären Denkens” verspricht der Untertitel seines Sachbuchs.

Die liberale Demokratie stehe massiv unter Druck, schreibt der deutsche Schriftsteller. Einerseits aufgrund der Erfolge des Rechts- und Linkspopulismus in vielen westlichen Ländern. Andererseits für den Zustrom, den die ultrakonservativen Kräfte Polens, Ungarns und anderer Orte reserviert haben. Neu hinzugekommen ist Putins Angriffskrieg, der alle Rechte verhöhnt.

Sie sägen die Säulen des Fundaments

Dies äußert sich in einer grundsätzlichen Ablehnung der liberalen Demokratie und ihrer Werte. Und damit grundlegende Errungenschaften der westlichen Welt.

Bildunterschrift: Ein Trump-Anhänger schwenkt während der Erstürmung des Kapitols am 6. Januar 2021 eine Flagge, um gegen Trumps Abstimmung für die Amtsenthebung zu protestieren. Getty Images/Win McNamee

Dazu gehört die Idee, dass der Mensch ein freies Individuum ist. Oder dass Gesellschaften demokratisch sein und auf pluralistischen Prinzipien beruhen sollten.

Putin, Trump, Le Pen oder Orban würden diese Grundwerte verachten, erklärte Ott in einem Interview. Es gehe um “schleifende Demokratie”. Denn sie sehen darin nur ein System, “in dem linksliberale Eliten das Volk bevormunden”. Und das führt letztlich zu Chaos, moralischem Verfall und Sinnlosigkeit.

Die göttliche Ordnung

Diese Haltung “erschüttert die Grundfesten der Neuzeit”, schreibt Ott. Denn mit der Geschichtsepoche der Neuzeit ab dem Jahr 1500 vollzog sich im Westen jener grundlegende Wandel des Menschen- und Weltbildes, der die Entwicklung unserer Weltmoderne einleitete

Als Wegbereiter nennt der Autor Denker wie den Reformator Martin Luther oder den französischen Philosophen René Descartes. Sie erklärten der vermeintlichen “ewigen und göttlichen” Ordnung, die seit dem Mittelalter herrschte, den Krieg.

Mut zum eigenen Denken

Stattdessen erkannten sie den Menschen als freie Wesen an, die nicht der Kirche folgen dürfen, sondern ihrem eigenen Gewissen. Dies stützt sich auf seine eigene Vernunft und stellt die Macht der Regierung über die Macht der Kirche.

Schon damals gab es massive Kritik am neuen liberalen Denken, das angeblich „den falschen Weg eingeschlagen“ habe. Diese Ablehnung hält bis heute an. Er findet sich an der Spitze populistischer Bewegungen in Europa, aber auch „in Denkfabriken mit mächtigen Geldgebern“ in den USA.

Bildunterschrift: Sehen Sie Putin und Trump in jahrhundertealter Tradition: Schriftsteller Karl-Heinz Ott. Peter Andreas Hassiepen

Ott zeigt, dass sich die heutigen Reaktionäre auf eine ganze Reihe von Pionieren verlassen können: zum Beispiel Carl Schmitt, den deutschen Verfassungsrechtler und Chefjuristen der Nazis. Oder der 1973 verstorbene Rechtsintellektuelle Leo Strauss in den USA. Seine sehr kritische Denkschule – die sogenannten „Straussianer“ – soll großen Einfluss im Weißen Haus gehabt haben.

“Schmitt und Strauss lehren, dem demokratischen Chaos entgegenzuwirken”, schreibt Ott, “mit eisernen Grundsätzen, die niemals bestritten werden dürfen.” Gesellschaften brauchen starke Autoritäten, um für Ordnung zu sorgen, so die These reaktionärer Denker.

Kein Allheilmittel

Otts leicht zu lesendes Buch öffnet nicht nur die Augen für geistesgeschichtliche Zusammenhänge, sondern verstört auch. Es bietet jedoch kein Allheilmittel dafür, wie die liberale Demokratie geschützt werden kann.

„Vielleicht fängt es in der eigenen Stadt an“, erklärt der Autor in einem Interview, „man geht zum Rathaus und kümmert sich um alles. Oder dass man die Meinung anderer nicht gelten lässt, sondern sie ernst nimmt, indem man mit ihnen argumentiert.”

Buch Referenz

Box öffnen Box schließen

Karl-Heinz Ott: „Verdammte Neuzeit. Eine Geschichte des reaktionären Denkens”. Hänser, 2022.

Leave a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *