Vor 100 Jahren – Terrorunfall auf der Ringbahn in Berlin

Gefährliche Unsitte: Zur Rush Hour fuhren die Berliner früher in S-Bahn-Utensilien mit Foto: Ullstein Bild

Von Oliver Ohmann

Vor 100 Jahren wurde der von Rechtsextremisten ermordete Außenminister Walter Rathenau beerdigt. Die Beerdigung in Berlin wurde von Massendemonstrationen der Republik und der Demokratie begleitet.

Auch Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe kündigten am 27. Juni 1922 ihren Arbeitsplatz. Busse, U- und Straßenbahnen gab es in Berlin nicht. Dadurch waren die S-Bahnen völlig überfüllt. Viele fuhren mit Utensilien, Stoßdämpfern und Autodächern, was lebensgefährlich und natürlich verboten war.

Das Bahnpersonal forderte alle Bahnhöfe auf, die Utensilien zurückzulassen. Aber als die Züge anfuhren, sprangen die Leute wieder auf.

Am Tag von Rathenaus Beerdigung demonstrierten Hunderttausende in der Republik, auch Bus- und U-Bahn-Fahrer streikten Foto: ullstein bild / Getty Images

Um 13 Uhr kam es zwischen den Bahnhöfen Schönhauser Allee und Gesundbrunnen zu einer Katastrophe. Nahe der Schönfließer Brücke trafen zwei überfüllte Züge aufeinander. Im Abteil des Zuges Gesundbrunnen hatte sich ein Bündel Holzlatten gelöst und kam durch eine offene Tür heraus.

Mehr als 50 Personen, die zu den Utensilien des in die entgegengesetzte Richtung fahrenden Zuges gingen, wurden erschossen. 45 von ihnen starben, die meisten mit Schädelbrüchen. Die Leichen wurden von Rettungsschwimmern und der Polizei geborgen, die Schwerverletzten in Krankenhäuser gebracht.

Makabere Fußnote: Der Ringbahnverkehr wurde etwa zwei Stunden nach dem Absturz wie geplant wieder aufgenommen.

Themen: Geschichte der S-Bahn

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