„Vorarlberg Tage“ im Komitee U

Es gibt Zeiten, da trifft sich das politische und mediale Establishment Vorarlbergs in Wien. Eigentlich sind das schöne Anlässe: zum Beispiel beim Vorarlberger Tanz in Wien. Oder mit dem Traditionsfunken des Vorarlberger Clubs in Wien. Am Mittwoch und Donnerstag wird die Wiener Politik- und Medienszene erneut von Vorarlberg dominiert. Vertreter der Medien aus dem ganzen Land sind eingeladen. Der Gouverneur wird auch da sein. Allerdings ist der Anlass weniger feierlich: Der Korruptionsermittlungsausschuss der ÖVP im Nationalrat befasst sich mit der Wirtschaftsverbandsaffäre. Und das ist so ziemlich alles.

Die Wirtschaftsbund-Affäre auf einen Blick

Angefangen hat alles vor vielen Jahren. 2010 diskutierten Oppositionsparteien erstmals in der Zeitung des Wirtschaftsverbandes „Vorarlberger Wirtschaft“ über Werbepraktiken. Der Vorwurf: Es wird vermutet, dass der Wirtschaftsverband bzw. dessen Direktoren Druck auf Unternehmen ausüben müssen. Darüber hinaus wird die Kamera beworben und auch öffentliche Unternehmen stehen auf der Liste der Werbetreibenden. Das Geld dient der Finanzierung der ÖVP.

Es folgen einige Medienanfragen und -berichte, doch die Aufregung lässt schneller nach. Das Spiel wird einige Male wiederholt. Dann kommt der Mai 2019: Das Video von Ibiza wird veröffentlicht. Nach Regierungskrise, Neuwahlen und dem Ibiza-U-Komitee reagieren die Bürger deutlich sensibler auf Korruptionsvorwürfe.

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Aufregung um die Anzeigen in der Zeitung der Handelskammer

Als auch der damalige Bundeskanzler Sebastian Kurz auf ein Werbethema stieß und der Korruptionsermittlungsausschuss der ÖVP ein Thema nach dem anderen ans Licht brachte, rückte auch die Schaltung von Anzeigen in der „Wirtschaft Vorarlberg“ wieder ins mediale Rampenlicht. Eine neue Ausgabe des Medienmagazins Ö1 „Doublecheck“ erscheint im November 2021. Gegenstand sind die oben genannten Anzeigen.

Steuerprüfer sind eingeschaltet

Wieder springen einige Medien ein und die Opposition greift das Thema im Landtag auf. Die Zeiten haben sich geändert: Diesmal ist die Aufmerksamkeit immer noch hoch. Vor allem, weil auch die Betriebsprüfer die Berichte verfolgt haben. Am 15. Dezember sind sie den Finanzen des damaligen Wirtschaftsbundeschefs Jürgen Kessler und zwei Wochen später denen seines Vorgängers Walter Natter gewidmet.

Auch der Aufbau rund um das Medienteam steht im Fokus. Das Unternehmen verkauft Anzeigen für Veröffentlichungen der Handelskammer. Derzeit gehört Jürgen Kessler zur Hälfte und zu 40 Prozent Russmedia. Kessler muss angeblich seine Anteile verkaufen, Russmedia besitzt nun zwei Drittel des Unternehmens.

Finanzamt ermittelt nach Gutachten

Das Finanzamt ist auch für das Medienteam zuständig, wie aus einer E-Mail zwischen den Wirtschaftsprüfern hervorgeht. “Medial wurde vom Medienteam informiert. Dies sollte mit 3L-Consult überprüft werden. Da wir das Medienteam mit der Eugen Russ – Medienhaus Gruppe nicht überprüft haben, empfehle ich Ihnen, es jetzt zu überprüfen.” 3L-Consult ist ein Unternehmen von Jürgen Kessler, diese E-Mail stammt aus den Akten des ÖVP-Korruptionsausschusses, aber hier ist die Geschichte gerade nicht.

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ÖVP-Wirtschaftsbund wird angezeigt

Betriebsprüfung beim Wirtschaftsbund

Als erstes steht jetzt eine Steuerprüfung an. Im Januar hatte das Finanzamt angekündigt, auch den Wirtschaftsbund und weitere Beteiligte wie die Wirtschaftsbund-Steuerberater und Finanzreferenten Franz und Jürgen Rauch zu prüfen. Anschließend wird die Geschäftsverbindung angezeigt. Dies ist ein gängiger Vorgang. Geht die Selbstanzeige rechtzeitig ein, können Sie einer Strafe entgehen. Politisch bringt diese Selbstanzeige aber keinen Frieden, im Gegenteil: „Der Standard“ hatte Ende März erstmals über die Selbstanzeige berichtet.

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Arbeitgeber prangern den Druckaufwand an

Arbeitgeber berichten dann über den Werbedruck, der auf sie ausgeübt wurde. Nun ist der Druck für die anderen zu groß: Der Geschäftsführer des Wirtschaftsverbandes, Jürgen Kessler, und der Präsident des Wirtschaftsverbandes, Hans Peter Metzler, müssen gehen. Metzler trat auch als Obmann der Wirtschaftskammer Vorarlberg zurück

Ausschuss U fordert Akten an

Nun nehmen auch Mitglieder des Wiener Nationalrats Kenntnis von dem Fall. Die Untersuchungskommission fordert Akten an. Frühe Akteneinreichungen zeigen ein moralisches Bild, mit dem selbst viele Kritiker nicht gerechnet haben. Zunächst werden die Berechnungen des Finanzamtes öffentlich gemacht. Dem Wirtschaftsverband drohen Steuernachzahlungen von mehr als einer Million Euro.

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Wie das Geld verwaltet wurde

Kurzum: 2017 verdient der Wirtschaftsbund rund 300.000 Euro mit Anzeigen. Dann explodierten die Einnahmen 2019 auf maximal 1,2 Mio. €. CEOs dürfen nicht nur Provisionen für verkaufte Anzeigen (bis zu 20.000 € pro Monat) erhalten. Die Akten enthalten eine Überweisung von 24.000 € an eine Walter Natter Lebensversicherung, ein 250.000 € Darlehen (ohne Zinsen, keine Sicherheiten) an Jürgen Kessler und zahlreiche bargeldlose Zahlungen. Unter anderem für die politische Arbeit von Wirtschaftsminister Marco Tittler und seinem Vorgänger Karlheinz Rüdisser.

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Wie die Spitzen des Wirtschaftsverbandes profitierten

Ein besonderer Landtag wird einberufen

Auch die Opposition im Landtag ist aktiv. Es hat einen besonderen Landtag einberufen. Drei Tage vor dem Landessonderparlament berichtete die Uno über einen Unternehmer, der anonym bleiben wollte. In einer eidesstattlichen Erklärung heißt es: Landeshauptmann Markus Wallner habe persönlich um eine Anzeige gebeten und im Gegenzug Hilfe bei Behördengängen zugesagt. Wallner spricht von einer puren Lüge. Der Urheber der Vorwürfe bleibt bis heute in der Öffentlichkeit anonym, was Wallner, Rüdisser und viele Mitglieder der ÖVP erzürnt. Tenor: Man interessiert sich für volle Beleuchtung. Das ist aber bei anonymen Beschwerden schwierig.

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Wallner überlebt das Mißtrauensvotum

Sonderlandtag stimmt zu, Landeshauptmann Wallner übersteht Misstrauensvotum. Rüdisser ist jetzt Präsident des Wirtschaftsverbandes. Sie soll die Frage klären und den Wirtschaftsverbund wiederherstellen. Doch die ÖVP-Teilorganisation macht nicht halt. Die Staatsanwaltschaft für Wirtschaft und Korruption (WKSta) ermittelt nun aufgrund des anonymen Vorwurfs gegen Wallner, Rüdisser und Tittler. Die Staatsanwaltschaft Feldkirch hat das Steuerverfahren übernommen und ermittelt gegen Kessler, Natter, Metzler und den Wirtschaftsbund als Organisation.

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Lustenaus Parteien wollen die Finanzen offenlegen

Neben straf- und steuerrechtlichen Ermittlungen gibt es auch eine Reihe von Schwerpunktthemen. Das sind zum Beispiel die Gelder, die der Wirtschaftsverband an die Ortsgruppen der ÖVP gezahlt hat. In Lustenau ist die Sache vor kurzem im Rathaus beendet worden. Auch andere Communities wollen transparenter werden. Auch beim neuen Parteienfinanzierungsgesetz gibt es Bewegung im Land.

Begeistert vom Handywechsel

Und dann ist da noch das Thema Handys. Am Tag der Bekanntgabe der Ermittlungen gegen ihn fragte Landeshauptmann Markus Wallner bei der EDV-Abteilung des Hauses an, ob er sein Handy löschen könne und ob die Daten dauerhaft gelöscht würden. Der Leiter der zuständigen Abteilung leitete diese Anfrage an den zuständigen Staatsminister, Daniel Zadra dels Verds, weiter. Der wiederum machte es der WKStA bekannt und sagte Wallner. Das Handy wurde bereits ungelöscht in Wallners Büro zurückgebracht.

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Viele Fragen kreisen um Wallners Handy

Staatliche Zuwendungen

Die Diskussion um die Höhe der Mittel für die Landespartei ist fast in Vergessenheit geraten. Markus Wallner sprach einmal von 900.000 Euro. Das Finanzamt übernimmt viel mehr, denn es hat auch Ortsgruppen und Einzelspenden. Zum Beispiel Geld für den Wahlkampf des Vorarlberger EU-Spitzenkandidaten Christian Zoll. Oder die Unterstützung der Wahlkampftournee von Sebastian Kurz. Oder Geld für ÖVP-Klubpräsident Roland Frühstück für den Landtagswahlkampf 2019. Obst. Gesamtwert: 2664,09 Euro.

Wirtschaftsverband und Handelskammer

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Nun müssen die Staatsräte den Kaffee selbst bezahlen

Und ebenfalls fast vergessen: Die Verbindungen zwischen dem Wirtschaftsverband und der Wirtschaftskammer. Ein Mitarbeiter der Kammer hat laut Kammer in seiner Freizeit die Wirtschaftsbundzeitung gegründet. Der Wirtschaftsbund bezahlte ihn gut. Außerdem zahlte der Wirtschaftsbund Kaffee für das Wirtschaftsamt des Landesrates, für die Sozialversicherung der Selbständigen und insbesondere für die Handelskammer. Die Rechnung für den Kaffee im Zimmer erreichte 10.000 Euro …

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