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Am Freitagabend kam die überraschende Nachricht: Der vielbeschäftigte Präsident, der oft wegen seines unberechenbaren Verhaltens und seiner Unhöflichkeit kritisiert wurde, geht. Seine Nachfolge tritt am 1. September der Vorstandsvorsitzende der Porsche AG, Oliver Blume, an. Analysten sehen den Schritt in einer wichtigen Phase des Konzernumbaus mit gemischten Gefühlen.
Eine kurze Nachricht nach einem Treffen der Kontrolleure besiegelte das Ende der ra Diess, ziemlich genau sieben Jahre nach dem Wechsel von BMW in Niedersachsen.
Es gab einen Hinweis, dass es passieren könnte. Aber am Ende schien das Maß voll, und Diess konnte nicht weiter gehen. Darauf deuten Stimmen aus Unternehmenskreisen hin, die die Entwicklung aufmerksam verfolgt haben. Blume war bereits als Kronprinz in Reserve. Er gilt als sehr talentierter Manager und neigt dazu, sowohl in der Kommunikation als auch in der Planung ein Mann mit ruhigen Tönen zu sein. Neben seiner Funktion an der Konzernspitze soll Blume an der Spitze von Porsche bleiben und von VW-Finanzvorstand Arno Antlitz im Tagesgeschäft in Wolfsburg unterstützt werden.
Über die technischen Aufgaben hinaus könnten die Mitarbeiter auch einen Wandel im Führungsstil markieren. Das wird in der Branche sehr geschätzt. Ohne ihn – darin sind sich fast alle einig – wäre VW nicht dort, wo der größte europäische Autohersteller heute mit seinen Elektromodellen steht. Allerdings gab es in letzter Zeit vor allem Probleme mit der langsamen Entwicklung von proprietärer Software, die noch einmal deutlich teurer ist.
Nach Einschätzung des Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer wird Blume auch die Softwaresparte neu ausrichten. Die Umstellung der Industrie auf softwarezentrierte Autos sei eine „riesige Herausforderung“ für klassische Zulieferer wie VW, sagte der Professor. „Das zeigt auch die Ablösung des VW-Chefs (Herbert) Diess. Autohersteller werden zu Technologiekonzernen wie Google, Apple, Microsoft oder setzen auf Software-Schwergewichte.“
Bernstein-Research-Analyst Daniel Roeska sieht das ähnlich: Unter Blume wird offenbar eine erfolgreichere Software-Strategie erwartet. Aber es wird Monate dauern, bis neue Pläne bekannt gegeben werden. Für den Branchenexperten ist es der falsche Zeitpunkt für eine Neubesetzung, während der Konzern vor einem herausfordernden Jahr 2023 steht. Darüber hinaus haben Volkswagen und der Sportwagenhersteller Porsche AG in den kommenden Monaten jeweils deutlich die Führung übernommen, während Blume nun an der Spitze beider Unternehmen stehen soll.
Experte Philippe Houchois vom Investmenthaus Jefferies sieht den Wechsel an der VW-Spitze als Chance. Die Unternehmensstrategie konnte überdacht und ein Neuanfang mit einem ebenso erfahrenen wie in der Gruppe gefestigten Manager gewagt werden.
Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, der das Land als zweitgrößten Eigentümer im Aufsichtsrat vertritt, würdigte Diess. Es gab Impulse für neue wichtige Projekte. Weil sagte über Blume: „Ich bin zuversichtlich, dass er den Konzern mit Umsicht und Weitsicht im Team mit dem Vorstand, in guter Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat und mit großem Respekt vor den Mitarbeitern führen wird.“
Manch einer hier sollte sich mal auf die Wertschätzung der Mitarbeiter besinnen. Diess tat sich oft schwer, zumindest aus Sicht des Betriebsrats und einiger Kollegen am Fließband. Es begann spätestens, als sich viele mit dem holprigen Start der Basismodelle Golf 8 und ID alleingelassen fühlten. Arbeitnehmervertreter kritisierten das Fehlen einer Krisenstrategie und den ständig steigenden Druck auf die Produktion. Die IG Metall drückte Diess in einem offenen Brief ihr Misstrauen aus.
Gewerkschaftsvorsitzender Jörg Hofmann betonte, wie Weil und Betriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo im Präsidium, dass VW „nicht nur seiner Rolle als Technologiefavorit, sondern auch seiner Rolle als gesellschaftliches Vorbild gerecht werden muss“. Cavallo sagte, die Aufregung sei schwierig gewesen. VW muss stärker werden. „Aber es ist auch unser Ziel, dass trotz der großen Herausforderungen Arbeitsplatzsicherheit und Rentabilität gleichwertige Unternehmensziele sind.“
Andererseits hatten einige Leute gemunkelt, dass Diess möglicherweise alleine gehen könnte. Er soll sich von der Arbeitnehmerbank im Aufsichtsrat zurückgehalten gefühlt haben, als es um den Konzernumbau, zentrale Personalthemen und Vorschläge für mehr Effizienz ging.
Im Sommer 2020 kam es zu einem Skandal, als Diess den Aufsichtsratsmitgliedern „Straftaten“ und „mangelnde Integrität“ vorwarf, weil sie sensible Informationen gebohrt hatten. Dass er um zusätzliche Unterstützung durch eine vorzeitige Vertragsverlängerung bat, kam nicht gut an. Eines seiner Ziele sei es, so Diess, „alte eingefahrene Strukturen aufzubrechen und das Unternehmen agiler und moderner zu machen“. Cavallo unterstützte zunächst eine Vertragsverlängerung um vier weitere Jahre.
Der nächste Schlag kam im vergangenen Herbst, als Diess den Führungskreis per E-Mail angeschrieben haben soll, um Ideen für mehr Einsparungen zu erhalten, ohne die Vorgesetzten zu konsultieren. Mittelfristig stünden bis zu 30.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel, die möglicherweise überflüssig geworden seien.
Die geringe Auslastung vieler Werke aufgrund der Chipkrise und die daraus resultierenden Kurzarbeitszeiten hatten für große Unzufriedenheit gesorgt. Cavallo warf Diess ein schlechtes Versorgungskonzept vor; Stattdessen erledigt er PR-Termine und posiert mit Tesla-Chef Elon Musk.
Andererseits hielten viele Investoren den Kurswechsel von Diess in Richtung Elektromobilität und Software für so mutig wie kaum ein anderes Unternehmen. Sein Stil wurde hier mehr bewundert als kritisiert.
In letzter Zeit hat sich in vielen Bereichen Nervosität aufgrund des Rückstands in der Softwareentwicklung breit gemacht. Bei einem Treffen vor zwei Wochen diskutierten die Inspektoren Unstimmigkeiten beim Ausbau der IT-Sparte von Cariad. Diese soll eine einheitliche Programm- und Elektronikplattform für alle zukünftigen Modelle entwerfen. Nach Einwänden vor allem der Audi- und Porsche-Tochter wird die Entwicklung zunächst parallel fortgesetzt. Diess erklärte der Belegschaft kürzlich: „Rückschläge in einzelnen Projekten gehören dazu. Softwarekultur müssen wir noch lernen.“
Vor einigen Wochen erläuterte der VW-Chef jovial verschiedene Pläne, die er mit dem Unternehmen hatte. Anders als vor den Sommerferien im vergangenen Jahr gab es diesmal allerdings kein Video, in dem er auf einem Elektro-Surfbrett den Mittellandkanal hinuntersaust.
Kreise: Diess soll VW nach seinem Ausscheiden als Vorstandsvorsitzender beraten
Volkswagen-Chef Herbert Diess werde nach seinem Ausscheiden weiter für das Unternehmen tätig sein, hieß es aus Konzernkreisen. Der 63-Jährige bleibe bis zum Vertragsende im Herbst 2025 als Berater tätig und werde weiter bezahlt, berichtete die Deutsche Presse-Agentur. VW gab am Freitag bekannt, dass der Manager zum 1. September an Porsche-Chef Oliver Blume übergeben werde.
Diess kam 2015 zu VW und wurde 2018 Vorstandsvorsitzender. Mehr als 10 Millionen Euro nahm er im vergangenen Jahr ein, inklusive Aufwendungen für Altersversorgung. Ohne Pensionsansprüche waren es fast 8,6 Millionen Euro.
Die Entscheidung zum Personalwechsel sei nach Angaben des Unternehmens „einvernehmlich“ erfolgt. So dankte ihm der Aufsichtsratsvorsitzende Hans Dieter Ptsch. Diess habe „sowohl in seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender der Marke Volkswagen als auch des Konzerns große Fortschritte bei der Transformation gemacht“. Der ehemalige BMW-Manager hat die Umstellung von VW auf Elektromobilität und die Geschäftsausweitung auf Mobilitätsdienstleistungen durchgesetzt. In letzter Zeit gab es jedoch eine Reihe von Problemen, insbesondere bei der langsamen Entwicklung proprietärer Software.
Laut Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer wird Blume auch die Softwaresparte Cariad neu ausrichten. „Cariad wird nicht so bleiben, wie es war“, sagte der Duisburger Professor. „Der Plan, alles eigenständig und zentral zu erledigen, sollte überdacht werden.“
Eigentlich wollte VW bis 2026 ein eigenes Betriebssystem für Autos aller Marken einsatzbereit haben, doch für Porsche ist das zu spät. „Das Scheitern der Standardlösung und der Widerstand einzelner Marken werden aus meiner Sicht zu einem generellen Umdenken führen“, sagte Dudenhöffer. Blume wird die Strategie von Diess voraussichtlich fortsetzen, außer im Softwarebereich.
Der 54-Jährige bleibt neben seiner Funktion als Vorstandsvorsitzender auch weiterhin an der Spitze der Sportwagen-Tochter von Porsche. VW-Finanzvorstand Arno Antlitz wird ihn im Tagesgeschäft des gesamten Konzerns unterstützen. Zu Blumes Aufgaben gehörte unter anderem die Vorbereitung des für Ende des Jahres geplanten Börsengangs von Porsche.
Porsche-Betriebsratschef: „Teamplayer wie Blume sind definitiv gut für VW“
Nach Ansicht von Porsche-Betriebsratschef Harald Buck hat der Volkswagen Konzern mit Porsche-Chef Oliver Blume als Nachfolger von Herbert Diess viel erreicht. „Ein Teamplayer wie Blume ist sicher gut für VW“, sagte Buck der Deutschen Presse-Agentur am Montag in Stuttgart. Ende vergangener Woche zeichnete sich ab, dass Blume zum 1. September die Nachfolge von VW-Chef Diess antreten und neben seiner Funktion an der Konzernspitze auch an der Spitze der Sportwagen-Tochter von Porsche bleiben wird. Für beide Seiten sei eine gute Konstellation gefunden worden, sagte Buck. Er freut sich, dass Blume Porsche bleibt. Er scheute sich nicht, sich zu überfordern, schließlich war Blume bereits im Vorstand des VW-Konzerns. Außerdem schlägt Blumes Herz für Porsche. „Er ist zu 100 Prozent bei dieser Firma und wird meiner Meinung nach dauerhaft hier bleiben“, sagte Buck der „Stuttgarter Zeitung“ und den „Stuttgarter Nachrichten“ (Dienstag).
VW-Aktie, die durch den Führungswechsel belastet wird; Auch die Porsche-Aktie steht unter Druck
Volkswagen und Porsche SE litten Anfang der Woche entgegen dem positiven Trend der Branche unter dem überraschenden Chefwechsel bei VW. Im Späthandel gaben die Vorzugsaktien des Autobauers und seines Großaktionärs um 1,25 Prozent auf 132,64 Euro bzw. 1,25 Prozent auf 68,12 Euro nach und bildeten damit das Schlusslicht des DAX. Seit Jahresbeginn gab es Kursverluste von 25 und 18 Prozent. Der europäische Industrieindex verlor im gleichen Zeitraum 20 Prozent und der deutsche…